Marvin Running

Der Schrei des Adlers

Für Herrchen ist ein Lauf entlang der US-Westküste gelebte Freiheit. Für mich gelebte Folter.

Marvin Running – Der Schrei des Adlers

„Ein Zeichen!“ ist der Adler für Marvins Herrchen. Wofür, ist ihm egal.

Bild: Marvin Running

Die nächste Stadt ist Forks, eine 3.000-Seelen-Gemeinde im US-Bundesstaat Washington. Forks ist bekannt für seine Nähe zu beeindruckenden Landschaften aus Steilküsten, Stränden und Regenwäldern, seinen Regenreichtum (viermal soviel Niederschlag wie in Hamburg, durchschnittlich drei Meter im Jahr) sowie als Schauplatz der erfolgreichen Twilight-Serie, der zufolge es hier von sympathischen Vampiren und Werwölfen nur so wimmelt.

Doch selbst Forks ist gerade gut 30 Meilen entfernt. Auf der South Coast Beach Route im Olympic National Park kämpfen wir uns durch den Schlamm des Regenwaldes bis zum Meer vor.

Endlich, nach unzähligen Strapazen, erreichen wir einen vollkommen abgelegenen Pazifikstrand. Herrchens Gefühle werden groß.

Die nächsten Sekunden sind praktisch nicht mit Worten vermittelbar. Aber ich versuche es einmal.

Wie in einem Parabelflug gleitet er schwerelos dahin. Sein Bewusstsein ist zu eingenommen von den Eindrücken, um Schwerkraft und Naturgesetzen irgendwelche Beachtung zu schenken.

Was wir gerade sehen, ist im wahrsten Sinne des Wortes einmalig. Die Szenerie aus Strand, Wasser, Wolken, die Farben, all das existiert nur in diesem Moment; es kann und wird in der nächsten Stunde ganz anders aussehen. Wir erleben eine unwirkliche Landschaft, die nur hier, nur jetzt und dann nie wieder ist und sein wird.

Wir haben extremes Niedrigwasser. Weit enthüllt hat sich das Meer und gibt den Blick auf seinen Grund frei. Für ein, zwei Stunden können wir Moses spielen und dort laufen, wo sonst selbst Schwimmen zu gefährlich wäre. Diffus strahlt das Sonnenlicht zwischen grauweißen Wolken und der riesigen, feuchten Sandfläche hin und her.

Und in diesem Moment, grenzenlos, zeitlos, maßlos in seiner Weite, hören wir den Schrei eines Adlers. Ein Weißkopf-Seeadler erhebt sich von einem Fels in der Brandung vor uns und steigt mit majestätischen Flügelschlägen zum Himmel empor.

Es scheint, als folge er uns. Wie ein Ausrufezeichen der Freiheit.

Oder wie ein Geier.

„Ein Zeichen!“, ruft Herrchen überschwänglich.

„Für was?“, frage ich.

„Egal!“, ruft er. Er läuft schwerelos, in Trance, davongetragen. Kein Geld des Globus könne es kaufen, keine Ware der Welt es vermitteln, dieses Gefühl, meint er. Wenn er könnte, würde er es wie ein Adler herausschreien und das letzte Stück des Weges fliegen.

Und ich? Ich bin hin- und hergerissen zwischen dem Drang, den Kopf in den Sand zu stecken oder mich einfach zu übergeben. Beides gleichzeitig wäre wohl zu gefährlich.

Bekenntnisse eines Schweinehunds:

»Ich hasse Laufmagazine«