Dieter Baumann

Dauerlauf im Sommerregen

Schon nach 15 Minuten hatte Dieter keine Lust mehr auf Dauerlauf. Doch sein Mitläufer wollte noch quatschen, so wurden es 1:25 Stunden.

Dieter Baumann: Lauf der Woche

Peter Göhring und Dieter Baumann.

Bild: Privat

Lauf der Woche
Sonntag, 24. Juli 2011
Kassel
Dauerlauf - 1:25 Stunden (der Klassiker)


Ich melde mich vom Dauerlaufen. Und an dieser Stelle sei erinnert: Wir haben Sommer! Es regnete also am Sonntag, es hatte 11 Grad, gefühlt waren es 8, Morgendämmerung, um 10 Uhr früh. Gibt es etwas Schöneres als einen Dauerlauf mit Gleichgesinnten? Aber was heißt schon Gleichgesinnte? Ich lief mit Verrückten – alle in der Vorbereitung auf den Berlin-Marathon. Ein langer Lauf war angesagt, der Coach mit dem Damenklapprad dabei, um die Getränkeflaschen durch den Wald zu fahren. 2:30 Stunden lang. Erklären Sie das mal einem Normalbürger.

Schon tägliches Laufen klingt für Normalbürger wie Prügelstrafe. Gut, bei mir ist das weitgehend akzeptiert. Die meisten meiner Gesprächspartner nicken mir auf die Frage, wie oft ich laufe, verständnisvoll zu: „Ja, das müssen sie ja machen, wegen dem Sportherz.“ (Die arme Sau – denken sich die Leute im Geheimen dazu.)

Neulich saß ich im Zug im Speisewagen, ein Fahrgast setzte sich zu mir an den Tisch. „Ich kenne Sie doch“, begann er das Gespräch. „Sie sind doch der Sportler?“ „Ja“, sagte ich zögernd. „Atlanta! Habe ich Recht?“, schob mein Gegenüber triumphal nach. „Fast“, lockte ich ihn. „Sie sind doch der Läufer Frank Busemann?“ „Frank Busemann stimmt, aber ich bin Zehnkämpfer“, sagte ich trocken. „Richtig“, er bekam leuchtende Augen, „die Bronzemedaille im Zehnkampf“. Im Geiste ging ich meinen letzten Kugelstoßwettbewerb durch, vor 33 Jahren bei den Bundesjugendspielen. Ich glaube das Ding flog drei Meter weit. Daraufhin hatten wir ein super Gespräch über Zehnkampf und er zeigte Verständnis für mein tägliches Lauftraining.

Nein, am vergangenen Sonntag unterhielten wir uns nicht über Zehnkampf. Vor dem Loslaufen machte ich aber klar, dass ich keinen langen Lauf machen werde. „Nach zwanzig Minuten drehe ich um“. Peter, ein ortskundiger Läufer erbarmte sich meiner und erklärte sich mit mir solidarisch. „Kein Problem, ich auch.“ Wir liefen los. Nieselregen, kalt, unausgeschlafen. Rechts rum in den Wald, zweimal links, dreimal rechts, unter der Brücke durch, in den nächsten Ort rein, beim Bäcker vorbei. Ja, beim Bäcker standen Menschen und holten gerade vernünftigerweise Brötchen für das Frühstück. Wer geht denn auch bei dem Wetter laufen? An einem Sonntag? Der Zehnkämpfer Frank Busemann sicher nicht.

Ich hatte schon nach 15 Minuten keine Lust mehr. Frank Busemann war übrigens bei den Deutschen Meisterschaften der Vorläufer des Verbandes. Beim Sternlauf zur DM in Kassel lief er, Freizeitläufer durch und durch, ins Stadion ein. Sah der Mann schlecht aus: Dünn, ausgehungert, blass. Läufer eben, die arme Sau. Nichts erinnerte mehr an Kugelstoßen und so. Apropos Zehnkämpfer: Ariane Friedrich, die Hochspringerin, war auch bei der DM. Sie sprang nicht, durfte aber mit Frank Busemann – dem laufenden Zehnkämpfer, ein Herzfrequenzgerät als Preis für einen Zuschauer ausloben. „Ich laufe auch“, sagte sie brav zum Läufer Busemann. Beim Aufwärmen.

Nach 15 Minuten Laufzeit kündigte ich meinen Rückzug an. „Ich drehe gleich um“ – ging im Geiste den Weg zurück durch – da meinte der aufopferungsvolle Mitläufer: „Wir hängen noch was an“. Er verstrickte mich in ein Gespräch über Pulskontrolle, GPS, Durchschnittsgeschwindigkeiten und Endzeiten beim Marathon. Endlich, nach 50 Minuten hatte er mit dem Zehnkämpfer Frank Busemann erbarmen: Wir drehten um. Oder war ich doch noch Baumann oder schon Ariane Friedrich? Ich weiß es nicht, aber als Kugelstoßer hätte etwas aus mir werden können.



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