Lauf der Woche:

Das IOC schweigt bei den Menschenrechten

Dieter Baumann beschäftigte sich während seines langen Laufes mit dem Fall des Umweltaktivisten Jewgenij Witischko.

Wer Wälder wie diesen schützt, kann in manchen Ländern Probleme mit der Justiz bekommen.

Wer Wälder wie diesen schützt, kann in manchen Ländern Probleme mit der Justiz bekommen.

Bild: iStockphoto.com / Nikada

Lauf der Woche
Donnerstag 05.06.2014
Tübingen
Dauerlaufen zum Wundern und Erinnern


Ich melde mich vom Dauerlaufen mit der Überlegung, was passieren würde, wenn wir all die Menschen verhaften würden, die an einer Bushaltestelle fluchen. Es wären sicherlich viele und Gott sei Dank machen wir das nicht.

In Russland wird das gemacht. Jewgenij Witischko erging es in Sotschi kurz vor den Olympischen Winterspielen so. Witischko, ein Mitglied der „Ökologischen Wacht für den Nordkaukasus“, wurde laut offiziellen Stellen deshalb verhaftet, weil er an einer Bushaltestelle geflucht hatte. Das war nur wenige Tage vor der Eröffnung der Winterspiele in Sotschi. Einer der potentiellen Störer wurde ruhig gestellt und von der Haftzelle dort ging es direkt nach den Spielen für drei Jahre ins Arbeitslager.

Jewgenij Witischko hatte in einem Naturschutzgebiet an einen Bauzaun das Schild: „Dieb - der Wald gehört dem Volk“ aufgehängt. Protestiert haben die Öko-Wächter gegen den verheerenden Eingriff in die Natur im Zuge des Ausbaus der Olympischen Sportstätten. Im konkreten Fall ging es um die private Aneignung eines Grundstückes durch den Gouverneur mitten im Naturschutzgebiet.

Das IOC reagiert so gut wie gar nicht

Das IOC und auch die Politik reagierten, wie in solchen Fällen üblich, so gut wie gar nicht. „Ziemlich unverhältnismäßig“ sei dies, meinte unser Innenminister Thomas de Maizier. Das war der einzig starke Satz, den man hörte. Das IOC meinte, dass die Sache nichts mit den Spielen zu tun hätte. Dies hätten die zuständigen russischen Behörden auf Nachfrage so mitgeteilt. Wenn die russischen Behörden gesagte hätten, dass der Zitronenfalter Zitronen faltet, so Thomas Kistner in der SZ, dann hätte das IOC auch das als zutreffend befunden.

Menschen die sich dafür einsetzten, dass auch und gerade bei sportlichen Großereignissen, Menschenrechte eingehalten werden, müssen sich von Sportpolitikern als Heuchler bezeichnen lassen. So geschehen in einem Aufsatz von Prof. Helmut Digel. Ich nennen ihn hier nicht, weil ich noch eine Rechnung mit ihm offen hätte, sondern weil er in diesem Aufsatz für den DOSB zu einem eigentümlichen Schluss kommt: „den Organisationen des Sports ist durchaus auch zukünftig zu empfehlen, sportliche Ereignisse in Ländern durchzuführen, in denen die Menschenrechte mit Füßen getreten werden.“ Klar wollte der Tausendsassa in Sachen Sportpolitik mal wieder provozieren. Er liefert die Begründung gleich mit und schwafelt etwas von „internationalen Begegnungsmöglichkeiten“.

Im Dokumentarfilm in der ARD vom 5. Juni über Margot Käsemann, die 1978 von der argentinischen Militärjunta entführt, gefoltert und ermordet wurde, zeigten die Filmemacher, wie teilnahmslos oder sollte ich sagen, wie heuchlerisch die Politik bzw. die Sportfunktionäre gehandelt haben und wie in Wirklichkeit die „internationalen Begegnungsmöglichkeiten“ genutzt werden: meist zum Sekt-Trinken.

Es hat sich seit 30 Jahren nicht viel geändert. Der Fall Jewgenij Witschiko zeigt dies nur exemplarisch. Liebe Freunde der Laufkunst: Wollen sie Witischko helfen, dann können sie das bei www.amnesty.de/urgent-action/ua-014-2014-1/umweltschuetzer-zu-haftstrafe-verurteilt tun.

Haftanstalten haben ein Eigenleben

Dieter baumann spielt Kabarett

Bild: Privat

Dieter Baumann, die Götter und Olympia - Termine 2014

• 3. Juli 2014 Stuttgart / Theaterhaus Stuttgart / 20:15 Uhr
• 19. September 2014 Maulbronn / Stadthalle 20:00 Uhr
• 25. September 2014 Ulm
• 26. September 2014 Schwäbisch Gmünd / 20:00 Uhr
• 11. Oktober 2014 Bräunlingen

Dieter Baumann: Lauf der Woche:

Beim NightRun Coburg ausgetobt