Dieter Baumann

Ausgebremst!

Es war einer dieser stinknormalen Läufe - bis die Bremse stach. Jetzt muss das Sportabzeichen weiter warten.

Dieter Baumann: Lauf der Woche

Gemeine Pferdebremse auf einem Zaunpfahl.

Bild: Thorben Wengert / pixelio.de

Lauf der Woche
Datum unbekannt – vor langer Zeit
Tübingen
50 oder 60 min ausgebremster Dauerlauf


Ich melde mich vom Dauerlaufen. Es war einer dieser stinknormalen Läufe. Umziehen, loslaufen, schnaufen, schwitzen, ankommen, duschen, fertig. 50 Minuten? – 60 Minuten? Wann, wie schnell, welches Wetter? Keine Ahnung. Ein Lauf ohne Ereignisse.

Doch das stimmt nicht ganz. Jetzt und heute, im Urlaub mit Blick über dem Mittelmeer, bin ich mir sicher, mich an ein kurzes, brennendes Etwas zu erinnern. Ja, es war, als ich auf die Drei-Kilometer-Runde, oben auf dem Spitzberg einbog. Zunächst hatte ich mich die kleine, kurvenreiche Weinbergstraße hoch gekämpft. Natürlich nicht so gekämpft, dass ich völlig kaputt oben angekommen wäre. Daran hätte ich mich erinnert. Nein, es war wahrscheinlich wie immer: einmal durchgeschnauft und dann zum langen Schritt angesetzt. Ja, der lange Schritt, wie immer locker, dynamisch, mit viel Druck und Fitness. Ja, an die dynamische Fitness erinnere ich mich jetzt wieder genau. Wahrscheinlich bringt diese leichte Brise vom Meer die Bilder der Erinnerung an diesen Dauerlauf zurück.

Ein Bild ist sicher: der Stich. Zunächst dachte ich, es sei eine Zerrung oder gar ein Muskelriss in der Wade. Ich knickte ein, musste stehen bleiben. Mein Blick ging nach unten und ich sah ein hornissengroßes, schwarzes Ding an der Wade kleben. Blitzschnell wollte ich zuschlagen, doch da spürte ich den zweiten Stich. Bremsen! Es brummte nur so um mich herum. Riesige schwarze Bremsen. Ich schlug wild um mich, spürte wie sich immer mehr zum gütlichen Mahl auf mir niederließen, da machte ich mit einem beherzten Zwischenspurt der Attacke der gemeinen Spitzbergbremse ein Ende.

Bild: Angelika Manner


Um ehrlich zu sein, ich dachte immer, die gemeine Bremse sei schon längst ausgestorben. Die letzte Begegnung mit diesem scheußlichen Getier muss in meiner Kindheit gewesen sein. Am Baggersee auf einer Luftmatratze liegend. Wir konnten uns nur mit einer Rolle ins Wasser vor den Viechern retten. Jetzt sind sie wieder da, die Bremsen.

Wind vom Meer hin oder her, an mehr kann ich mich nicht erinnern. Tag oder Dauerlauf, keine Ahnung. Als Erinnerung bleibt nur das Bild meiner dynamischen Fitness, der lockere, lange Schritt und was sich noch in mein Gedächtnis einbrannte, ist das fledermausgroße, saugende Ding an meiner Wade. Und keine Ahnung wo sich das Vieh vorher alles rumgetrieben hat. Kuhscheiße dort, Hundekot hier und nebenbei noch auf einem Pferdeapfel rumgespielt. All dieses zusätzliche Getier hatte ich jetzt in meiner Wade. Eine oder auch zwei Wochen später beulte sich aus der Wade ein großes Ei voller Eiter.

Alles Weitere ist schnell erzählt: Arztbesuch, Schnitt, Antibiotika, Bettruhe, Lauf- und Wasserverbot, das ganze Programm eben.

Jetzt stehe ich hier am Mittelmeer. 200 Meter Schwimmen, Kugelstoßersatz für das deutsche Sportabzeichen. Alles war bestellt: italienisches Kampfgericht, Zeitmessanlage, GPS-vermesse Strecke ... lieber Thomas S. aus Berlin. Nicht wegen Kälte verweigert - ausgebremst, durch riesige, krähengroße, schwarze Dinger, die sich an den Waden festsaugen. Das deutsche Sportabzeichen muss warten.

Dieter Baumann: Lauf der Woche:

Am Kugelstoßen gescheitert