Lauf der Woche

Aufgewühlt vom Berlin-Marathon

Dieter Baumann ist noch immer euphorisiert und aufgewühlt vom Berlin-Marathon. Und er fragt sich, ob die Leistungssteigerungen von den neuen Produkten der Laufindustrie bewirkt wurden.

Berlin-Marathon 2014

Dennis Kimetto nach seinem Weltrekord beim Berlin-Marathon 2014.

Bild: Norbert Wilhelmi

Lauf der Woche
Donnerstag 02.10.2014
Tübingen
Berlin-euphorisierter Maislauf


Ich melde mich vom Maistreten – von was sonst (!) - und bin noch ganz aufgewühlt vom Berlin-Marathon. Was ein Rennen, was für Zeiten. Dennis Kimetto (2:02:57 Stunden) und Emanuel Mutai (2:03:17 Stunden) haben sich ein außergewöhnliches Duell geliefert. Beide liefen mit vollem Risiko, beide suchten eine frühe Entscheidung, was gut fürs Tempo war, und beide erreichten an diesem Tag eine sehr hohe Leidensfähigkeit. Denn für beide waren die letzten Kilometer „Anschlag“.

Aber was heißt Anschlag? Vor mehr als 20 Jahren diskutierten wir in Läuferkreisen, ob und wann es für einen Athleten möglich wäre, unter zwei Stunden zu laufen. Ich war damals der Meinung, dass dies grundsätzlich mal einer kann, aber ich das nicht erlebe. Seit Sonntag bin ich skeptisch. Wenn das so weitergeht …

Aber liebe Freunde der Laufkunst, damals konnte auch niemand vorhersehen, was die Laufindustrie so alles entwickelt, nur damit wir schneller laufen können. Es gibt Unterwasserlaufbänder, die ein noch umfangreicheres Training zulassen. Es gibt Höhenzelte, damit wir noch höher schlafen und noch viel höher laufen können. Es gibt Gels, Buffer, Iso-Getränke und es gibt alkoholfreie Biere. Es gibt Kompressionssocken, Kompressionshosen und es gibt Kompressionsanzüge, damit das Laktat keinen Tango tanzt.

Wir können mit Nachsichtbrillen die ganze Nacht laufen. Mithilfe von Laufbändern in unseren Kellern holen wir im Winter den Sommer zurück und dank Wärme und Solarlampen fühlen wir uns dabei wie in der Sahara. Es gibt GPS, damit wir jeden Kilometer als solchen erkennen und damit die NSA über unseren Trainingszustand informiert ist. Es gibt Pulskurven, Pulsvariation und Pulsaussetzer. Aber halt, das ist was anders, aber egal. Es gibt Schuhe für Schwergewichte, für die Natur und für Barfuß. Alles ist möglich und deshalb laufen die Jungs einfach schneller als wir damals.

Es, gibt nur einen Haken: Kimetto kommt aus Kenia und verlässt sein Land nur sehr selten. Dies kann man an seinen Englischkenntnissen hören. Ich kannte nur einen Athleten mit noch schlechteren Englischkenntnissen. Auch er verließ sein Land nur selten … Ja gut, ich liebe nun mal das Schwabenland und bin selten raus gekommen.

Aber zurück zu Kimetto. Ich mache jede Wette, dass er weder das Wort Kompression noch die Funktion kennt. Er hat keine Laufbänder und keine Höhenzelte. Laktat und Puls wird ihn auch eher wenig interessieren. Er kann nur laufen. Das ist alles. Berge hoch und runter, Tempovariationen und eine clevere Wettkampfauswahl – nämlich wenig! So einfach scheint die Geschichte zu sein.

Und was macht Europa? Bei Sabrina Mockenhaupt konnte ich auf Facebook sehen, wie sie auf einem Laufband läuft. Nein, nicht läuft, Mockenhaupt geht. Dabei lächelt sie. Überschrift: Not macht Erfinderisch! Ja liebe Freunde der Laufkunst, was soll ich sagen? Sie ist verletzt.

Das kenne ich gut. Bei mir heißt es nur: Elend macht Maistreten.

Liebe Sabrina, gute Besserung.

Bild: privat

Dieter Baumann, die Götter und Olympia - Termine 2014

• 11. Oktober 2014 Bräunlingen
• 15. Oktober 2014 Schwäbisch Hall / 20:00 Uhr
• 17. Oktober 2014 Herrenberg / Mauerwerk / 20:00 Uhr

Dieter Baumann: Lauf der Woche:

Wohlfühldauerlauf im Maisfass