Dieter Baumanns Lauf der Woche

Alarm im Knast

Vorbildfunktion? Beim Lauftraining im Gefängnis misslingt sie Dieter Baumann auf ganzer Linie - oder besser: auf Bahn drei.

Alarm

Wenn Dieter Baumann läuft, gehen beim Training im Knast die Sirenen los.

Bild: Martin Genter / pixelio.de

Lauf der Woche
Dienstag, 27. März 2012
Ort: Neuburg an der Donau
Tempo: 8 x 300 Meter bis die Alarmglocken läuten


Ich melde mich vom Dauerlaufen. Schönstes Wetter, tolle Läufergruppe. So war die Ausgangssituation am Dienstag. 15 Mann standen vor mir. Das Laufprojekt im Knast hat wieder begonnen. Aber was heißt „wieder begonnen“? Das suggeriert, dass die Jugendlichen im Knast nur an acht Wochen im Jahr laufen. Nur dann also, „wenn der Baumann kommt“ und am Ende der acht Wochen eine Halbmarathonstaffel ansteht. Liebe Läuferinnen und Läufer, ich kann Sie alle beruhigen. So hart wie ich mit Ihnen ins Gericht gehe, wenn es mal einen Ruhetag gibt, so hart gehe ich mit den Jungs im Knast um. Es gibt G-R-U-N-D-S-Ä-T-Z-L-I-C-H keine Ausreden. Laufen kann jeder, überall und das ganze Jahr.

So war es also für mich keine Überraschung dass die 15 Mann fit waren, sehr fit sogar. Schon beim Warmlaufen blieben alle dicht beieinander. 15 Minuten, ein klares Zeichen: wir wollen heute etwas reißen! Dann bei den Sprintspielen: ein Wahnsinn! Ich spielte den Coach (Hallo? Natürlich sprinte ich da nicht mehr mit. Mit 18-jährigen hormongesteuerten Jungs? Bin ich wahnsinnig?). Ich sagte: „Nur drei, vier schnelle Schritte. Ziel ist auf meiner Höhe!“ Ich stand 30 Meter von der Gruppe entfernt. Eine geballte Kraft kam da auf mich zu.

Dann Intervall-Läufe. In der JVA in Neuburg gibt es eine Bahn. 400 Meter! Nicht immer ist eine Rundbahn auch 400 Meter. Es gibt kleinere. Aber in Neuburg wollte ich dann doch die gesamte Anlage nutzen. Deshalb 8 x 300 Meter mit 100 Meter Gehpause, zwei Minuten (die zwei Minuten brauchten nicht die Jungs, aber ich) Wir wollten uns gerade aufstellen, da kamen die Sportbediensteten der JVA ganz aufgeregt auf mich zu:

„Aber nicht auf Bahn drei und vier laufen.“

„Warum das denn?“

„Bahn drei und vier sind zu nah an der Mauer, das löst den Alarm aus.“

Im Grund brauche ich die Geschichte der Tempoläufe gar nicht mehr erzählen. Es musste kommen, wie es kommen musste. Ja, was sollte ich tun?

Erster Lauf: „Jungs, locker bleiben, ich gebe das Tempo vor, denkt daran, acht Läufe!“

Und Start: Ich lief kontrolliert vorneweg, durch die Kurve, kaum kam ich auf die Zielgerade, schoss der erste an mir vorbei. Er sprintete die Gerade runter. Sofort wurde ich vom zweiten, dritten, vierten, usw. überholt. Im Ziel: „Super Jungs“, rief ich. „Toll, jetzt zwei Minuten Pause!“

Zweiter Lauf: exakt der gleiche Ablauf. Im Ziel: „Perfekt! Klasse! Zwei Minuten Pause!“

Dritter Lauf: die Jungs liefen vorneweg, ich hing am seidenen Faden. Im Ziel: „Sagenhaft, weiter!“

Vierter, fünfter sechste, siebter Lauf: ich sicherte das Feld von hinten ab. Im Ziel: „Zwei Minuten Pause!“

Achter Lauf: ich mobilisierte meine letzten Kräfte. Blieb ganz dicht an der Spitzengruppe, schoss durch die Kurve, bog auf die Zielgerade ein, wollte vorbei, doch vor mir gab es ein Gerangel, alle wollten vorbei, ich musste weiter raus, noch weiter und weiter und 50 Meter vor Schluss …, musste ich, um vorbeizukommen … auf Bahn drei!

Ja, was sollte ich auch machen?

An der Pforte löste es den Alarm aus. Die Beamten waren nur kurz beunruhigt, dann war klar: der Baumann hat halt nicht mehr drauf.

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