Dieter Baumann

50 Kilometer mit steifem Arm

Spannung pur im Trainingslager: Dieter liest Krimi und stürzt schon auf dem ersten von 51 Trainingskilometern.

Dieter Baumann: Lauf der Woche – 50 Kilometer mit steifem Arm

Sonne, Strand und Pinienwälder. Läuferherz was brauchst du mehr?

Bild: Urs Weber

Lauf der Woche
Donnerstag, 28. April 2011
Viareggio
heldenhafter langer Lauf: 4:10 Stunden – 51 Kilometer


Ich melde mich vom Dauerlaufen. Italien, Sonne, Strand und Pinienwälder. Läuferherz was brauchst du mehr? Ich jedenfalls brauche nicht viel, um glücklich zu sein. Ein wenig Ruhe, Zeit für einen langen Lauf und den Rest des Tages fülle ich hier im Trainingscamp mit Krimilesen.

Da bin ich schon mittendrin. Harry Hole heißt der Krimiheld von Jo Nesbø. Klar, Harry Hole ist ein ganz harter Hund. Er hat ein phänomenales Fotogedächtnis, Kraft wie ein Ochse und eine Intelligenz fast wie ich. Der Kerl ist mir sympathisch. Der Krimi ist echt gut, allerdings nur bis zur Hälfte. Dann wird es langweilig, denn es ist völlig klar, dass Harry Hole alles, wirklich alles überlebt. Die aberwitzigste Szene ist die am Ende des Buches: Hole wacht mit einer übergroßen Billardkugel im Mund auf. Er droht zu ersticken. An der Kugel ist eine Schnur, zieht er daran, werden viele kleine Messer, die im Innenleben der Kugel stecken, wie kleine Geschoße durch seinen Kopf gejagt. Pest oder Cholera, diese Wahl hat Hole. Was macht der Krimiheld?

Bevor es weiter geht, nur kurz zu meinem langen Lauf. Nach vier Minuten war ich im Pinienwald. Ich lief langsam, sortierte meine Gedanken – ich meine für 50 Kilometer Dauerlaufen muss man sich schon sortieren. Plötzlich blieb mein linkes Bein am Boden hängen, ein wilder Ruck, ich verlor das Gleichgewicht und sah wie der Boden auf mich zuflog. Kurz vor dem Aufprall tauchte der große, spitze Stein vor meinem Auge auf.

Hole der Krimiheld, sah an der Wand einen Nagel. Mehrmals schlug er seine Wange bzw. seine Backenknochen gegen diesen Nagel bis seine Wange durchlöchert war. Zu guter Letzt kugelte er mit Hilfe des Nagels seinen Kieferknochen aus, holte die Kugel aus seinem Mund und war frei. Doch in diesem Moment kamen zwei Killer zur Tür herein.

Ich sah den Stein und katzengleich zog ich meinen Kopf zurück, drehte meine Schulter nach vorne, landete mit meinem rechten Oberarm auf dem Stein – Sekundenbruchteile davor spannte ich ihn an, so dass der Stein in zwei Teile zerbrach - rollte mich geschmeidig in einer Judokarolle ab und landete wieder auf den Beinen.

Hole hatte die Killer gehört, geahnt oder gerochen, auf jeden Fall zog er sich, nachdem er sich einmal geschüttelt hatte, durch eine Falltür in ein Kellergeschoss zurück. Nur ein einziges Mal war er dort gewesen, doch durch sein Fotogedächtnis erinnerte er sich, wo die Revolver und die Munition versteckt waren.

Meine Knie waren aufgescheuert, ebenso meine gesamte rechte Hand – ich schreibe diesen Text im Moment nur mit links! – und mein Oberarm wurde durch den harten Aufprall augenblicklich blau und dick. Doch ich schüttelte mich, wie Hole, wackelte dreimal mit dem linken Handgelenk, die Schwellung nahm sofort ab, das Gefühl im Oberarm kam in 30 Sekunden zurück. Nach 32 Sekunden lief ich weiter.

Nur ein Bruchteil einer Sekunde schimmerte die Taschenlampe der Killer durchs Kellergeschoss, das reichte Hole, um die richtige Munition zu finden, im Dunkeln zu laden - zur Erinnerung: sein Kieferknochen war ausgerenkt, die Wange durchlöchert und er blutete wie ein angestochenes Schwein - kurzum er machte sie beide fertig.

Ich denke, der Schriftsteller Jo Nesbø ist noch nie gelaufen. Sonst wüsste er, wie schmerzhaft ein Sturz über eine alberne Wurzel sein kann. Das einmalige Schütteln half nichts. Die restlichen 50 Kilometer hing mein Arm steif an mir herunter. Als ich es geschafft hatte, wollte ich die Arme hoch reißen, doch ein stechender Schmerz durchfuhr meinen Körper, der mir sofort Tränen in die Augen trieb. Hole wäre damit sicherlich 100 Kilometer weit gelaufen, ich weiß.


Ab sofort: Dieter Baumann und Martin Grüning, Stellvertretender Chefredakteur von RUNNER'S WORLD, bloggen zum 100-km-Lauf in Biel, den beide in diesem Jahr laufen wollen.

Dieter Baumann: Lauf der Woche:

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