Marvin Running

400 Wochenkilometer

1.600 Kilometer von Berchtesgarden bis Sylt. Hauke König lief die Strecke. Marvin Running begleitete ihn auf einem Teilstück.

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Ein Mann, ein Ding: Hauke König.

Bild: Marvin Running

„Grenzerfahrung?“, fragt Hauke zurück. „Zum Beispiel nachts bei einem Lauf durch das australische Outback, auf einer Etappe von über 120 Kilometern durch Sand und Staub. Kristallklare Wüstenluft. Genau hinter uns ging der Vollmond auf. Blassrotes Mondlicht auf rotem Sand. Gefühlt wenige Momente später stand der Mond über uns, im Zenit, so dass alle Schatten verschwanden. Und dann, nach durchgelaufener Nacht, mit den ersten Sonnenstrahlen: Der Blick auf Ayers Rock! Das sind die Momente, in denen man merkt, was einem wichtig ist im Leben.“

Herrchen nickt und guckt dazu schwärmerisch. Die Kulisse ist grad weniger romantisch: Fahles Morgensonnenlicht schimmert durch Rauchkulissen aus rußschwarzen Raffinerieschloten. Und die kristallklare Luft dazu? Nun, Weinpapst Hugh Johnson würde sich so ausdrücken: "Komplexe Duftschattierungen voller exotischer Pikanz, nach organischen Feuchte-Nestern und saftiger Schweinemast-Abluft, gutes Säurespiel mit enorm langem Schwefelwasserstoff-Finale."

Wir sind im Hamburger Freihafen, einer der schlimmsten Industriewüsten weit und breit. Hauke läuft gerade 1.600 Kilometer von Berchtesgarden bis Sylt. Heute ist sein 23. Lauftag von insgesamt 28, und Herrchen begleitet ihn auf diesem Teilstück. Ich bin entsetzt, wie frisch Hauke am 23. Tag dieses Wahnsinnsvorhabens noch aussieht. „Entspannung ist das Wichtigste“, sagt Hauke. Und rennt dann jeden Tag 60 Kilometer.

Zwischen dröhnenden Lastwagen und stinkenden Öllägern plaudern er und Herrchen über läuferische Highlights. Landschaften, die rätselhafte Anziehungskraft der Wüste, die Momente, wo die Erschöpfung vollkommen ist und nur noch der Wille existiert. Der Wille, das zu tun, was man für gut und richtig hält. „Dann hast du allen Ballast abgeworfen“, meint Herrchen.

„Und machst nur noch dein Ding“, sagt Hauke. „Und ziehst es einfach durch.“

Brrr... Wenn ich das höre! Alle ihr Schweinehunde: Tut was! Macht es besser als ich! Wo kämen wir denn da hin, wenn hier jedes Herrchen sein Ding durchziehen würde? Und ganz ballastfrei die abstrusesten Ideen in die Welt setzt? In dem Glauben, das sei gut! Trotz unglaublicher Anstrengungen!

Ach, keiner hört mich. Sie laufen nebeneinander und plaudern. Ein teuflisches Glitzern in den Augen. Kribbeln auf der Haut. Den Wind empfinden sie wie Streicheleinheiten des puren Lebens. Sie bilden sich ein, das Laufen habe die Mauern im Kopf niedergerissen. Und ich? Ich würde mich am liebsten auf ein vernachlässigtes Häuflein Elend reduzieren.

Wenn ich es nicht bereits wäre.

Bekenntnisse eines Schweinehunds:

Funktioniert Funktionstraining?