World Run

"Ich suche die ultimative Herausforderung."

Im RUNNER´S WORLD-Interview verrät Ultraläufer Jesper Olsen, warum er zwei Jahre lang laufend die Welt erkundet.

Jeden Tag einen Marathon laufen, unglaubliche 40.000 Kilometer in zwei Jahren bewältigen, einmal zu Fuß um die Welt – im Juli 2008 startete der Ultra-Läufer Jesper Olsen am Nordkap in Norwegen einen spektakulären Weltrekordversuch. Vom 28. bis zum 31. August lief er auch in Deutschland.

1. Wie fühlen Sie sich, nachdem Sie einen Monat lang jeden Tag einen Marathon gelaufen sind?

Sarah und ich haben nun zwei Monate und 2.500 Kilometer seit dem Start am Nordkap hinter uns gebracht. Die ersten drei bis acht Wochen waren sehr kritisch, weil man den Körper dazu bringen muss, positiv auf die Herausforderung zu reagieren und sich vernünftig zu erholen. Kleinere Verletzungen sind in dieser Phase nicht zu vermeiden, was extreme Vorsicht seitens des Läufers erfordert – ausgiebiges Dehnen, vielseitige Ernährung, Anpassung an den Laufuntergrund, das Tragen guter Schuhe mit ausreichender Dämpfung und Unterstützung usw.
Aber bis jetzt ist es gut gelaufen; es war weniger hart für den Körper verglichen mit dem schwierigen „Winterstart“ beim ersten World Run. Bei uns beiden beginnen die Muskeln und Sehnen auf das Training anzusprechen, indem sie Woche für Woche stärker werden und wir beide hoffen und tun unser Bestes, damit das so weitergeht.

2. Ist es nicht manchmal hart, morgens aus dem Bett zu kommen? Hätten Sie nicht manchmal gerne einen freien Tag?

Vielleicht ja; aber wenn ich einen freien Tag wollte oder mich von der Müdigkeit am Morgen abschrecken ließe, hätte ich sicher einen anderen Sport und eine andere Aufgabe gewählt! Das gehört einfach dazu bei einem solchen Extremlauf, und wenn man die ultimative Herausforderung in Bezug auf Entfernung und Anzahl der Länder, die ein Läufer laufen kann, will, dann muss man alle Herausforderungen, die das mit sich bringt, akzeptieren und sogar mögen.

3. Wie viele Stunden am Tag laufen Sie durchschnittlich?

Wir laufen durchschnittlich 4-10 Stunden und legen dabei im Durchschnitt 50 km zurück. Unsere Minimalstrecke beträgt 24 km und maximal 74 km, wobei wir einen 20 kg schweren Laufbuggy vor uns her schieben. Momentan machen wir alle fünf Kilometer eine kurze Pause zum Stretchen und um zu essen und zu trinken sowie um uns zu orientieren. Wir benutzen normale Landkarten und in sehr dicht besiedelten Städten zusätzlich GPS-Geräte.

4.Können Sie eine Veränderung beim Laufen beobachten? Werden Sie im Lauf des World Run schneller oder langsamer?

Bis jetzt stehen wir noch ziemlich am Anfang angesichts der Gesamtentfernung. Das ist, als wenn man bei einem Marathon an der 2-km-Marke ist. Aber der Körper fängt an, von einer zwei- bis vierwöchigen Phase der Mühsal, in der er sich zu langsam erholt und nicht angemessen auf die tägliche Anforderung anspricht, einen Übergang zu schaffen zu der „Anpassungsphase“, in der es leichter wird, ab und zu ein bisschen schneller zu laufen. Wir halten eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 6 min/km (10 km/h), aber wir versuchen, unsere Geschwindigkeit zu variieren um unseren Muskeln und dem ganzen Körper Abwechslung zu bieten.

Bei internationalen Wettkämpfen über die Ultradistanz haben Sarah und ich eine ähnliche Geschwindigkeit. Es ist wichtig, dass wir versuchen, das, was unsere Körper in mehr als zwanzig Jahren Wettkampfteilnahme gelernt haben, den Bedingungen anzupassen.

5. Wo essen und schlafen Sie normalerweise? Bekommen Sie kostenlose Unterkunft oder werden Ihre täglichen Bedürfnisse von einem Sponsor übernommen?

Das hängt sehr davon ab. Wir übernachten oft in unseren Lightweight-Zelten, so um die 75% der Tage, um unser Budget einzuhalten und einen so langen Lauf ökonomisch überhaupt möglich zu machen. Aber unser Hauptsponsor macht es möglich, dass wir alle sieben bis zehn Tage in ein Hotel gehen und wir versuchen, das als eine Art Belohnung nach besonders harten Etappen zu sehen. Darüber hinaus wird uns oft Unterkunft angeboten – wie heute Abend von einer dänischen Familie, die uns freundlicherweise nicht nur Unterkunft, sondern auch ein wunderbare traditionelles dänisches Abendbrot angeboten hat. Und mal abgesehen davon, das so etwas die Einhaltung des Budgets erleichtert, ist es auch einer der Hauptnutzen dieses World Runs, genauso wie des ersten World Runs: man kann einen Eindruck des täglichen Lebens, der Freuden und der Sorgen bekommen; Lebensweise, Ansichten und Tischgespräche von Familien überall auf der Welt. Das vermittelt einen anderen und sehr interessanten Eindruck, den man von der Welt hat und ergänzt die theoretischen Ansichten meiner Ausbildung in Politikwissenschaften, die ich an der Kopenhagener Universität mut einem Master abgeschlossen habe.

6. Mussten Sie für das Projekt Ihren Beruf aufgeben oder werden Sie nach dem Lauf ohne Probleme in Ihren Beruf zurückkehren können?

Vor dem ersten World Run hatte ich eine Stelle im Bereich der Politikwissenschaften und der internationalen politischen Forschung, aber nach Beendigung des ersten World Runs hatte ich die Möglichkeit, ein eigenes kleines Unternehmen zu gründen, das Vorträge für Sportvereine und Firmen in Dänemark und Nordamerika hält. Außerdem konnte ich an internationalen Ultralaufevents teilnehmen. Der zweite World Run ist –neben dem Hauptgrund, vorangegangene Höchstentfernungen zu übertreffen, die Kontinente und Gebiete, die von Läufern erschlossen wurden, zu erweitern und die verschiedenen Kulturen und Wesensarten Schritt für Schritt zu erkunden- eine „Investition“ in die Aufgabe, die Informationen und das Know-how, das von solchen Expeditionen gesammelt wird, zu inspirieren und weiterzugeben.

7. Gibt es irgendwelche besonderen Anekdoten, an die Sie sich am liebsten erinnern?

Die gibt es definitiv – aber ich glaube, Sie müssen die Frage in ein paar Monaten, wenn ich auf der Route schon weiter bin, noch einmal stellen, um die wirklich interessanten Geschichten zu bekommen.

8. Gibt es ein Land, auf das Sie sich besonders freuen? Oder gibt es sogar einen Ort, vor dem Sie ein wenig Angst haben, zum Beispiel Kenia?

Diejenigen Länder, die aus westlicher Sicht die meisten „Schwierigkeiten“ haben, sind oft diejenigen, die am inspirierendsten sind, wenn man gerne Expeditionen und Extremsport wagt, so wie Sarah und ich. Daher repräsentieren gerade der Sudan mit seiner Abgeschiedenheit und den weiten Wüstenstreifen, Äthiopien und Kenia mit ihrer Hitze und den politischen Herausforderungen und wiederum Ecuador und Kolumbien alle in ähnlicher Weise die besonders interessanten Teile des Laufs. Aber für mich ist die Herausforderung, die alle anderen übertrifft, der Bergpass, den wir auf unserem Weg von Argentinien nach Chile und weiter hinaus zur Westküste Südamerikas passieren werden; der Bergpass, der Zugang zur panamerikanischen Autobahn entlang der Küste verschafft, erfordert einen Lauf quer über die Anden, wo wir auf Straßen in mehr als 4.000 m Höhe laufen werden – höher als europäische Berggipfel. Dies ist für mich eine der größten Herausforderungen des World Run II und wird sicherlich eine gute Vorbereitung durch ein Jahr Laufen mit einem Pensum von 50 km am Tag voraussetzen – das ist die einzige Möglichkeit, dort eine Chance zu haben!

Aber... letztendlich freue ich mich eigentlich am meisten auf jede Tagesetappe. Der besondere Lebenswandel und die einzigartige Freiheit, die man erlebt, wenn man so einen Lauf macht. Irgendwie ist die Erde dein Zuhause und jedes Dorf, jede Stadt, jede Millionenmetropole ist deine nächste Unterkunft. Jede Straße ist eine neue Heimatstraße und jede neue Sprache ist, für ein paar Tage, Wochen oder Monate, die Sprache, die man sprechen und verstehen können muss. Das ist, meiner Meinung nach, der Hauptlohn des Laufens um die Welt: das Erfahren und Nachempfinden unserer gemeinsamen Welt auf eine –im wahrsten Sinne des Wortes- sehr bodenständige und praktische Art und Weise.

9. Gibt es ein besonderes Erlebnis, das Ihren Wunsch nach einem Wohltätigkeitslauf um die Welt auslöste?

Ja; die Gründe habe ich zuvor schon genannt. Und wiederum war der World Run I von 2004 bis 2005 ein Grund für eine zweite Auflage. Die Möglichkeit zu erhalten, solche Läufe wie diesen zu versuchen ist meiner Meinung nach ein großes Geschenk – und ich wäre enttäuscht von mir, wenn ich zu viel Angst hätte, um solche Herausforderungen, Eindrücke und Weltanschauungen noch einmal zu anzustreben.
Die Unterstützung meiner Sponsoren, unseres Hauptkoordinators und guten Freundes Phil Essam aus Australien und –nicht zu vergessen- der Leute, die wir täglich treffen, machen es möglich, diese Herausforderung anzunehmen!

Mehr Informationen zu dem erfahrenen Ultraläufer und seinem zweiten WORLD RUN finden Sie hier.