Anna Hahner im Interview

"Ich setze mir keine Grenzen"

Anna Hahner startet 2015 schon zum dritten Mal beim Berlin-Marathon. Das Ziel der 25-Jährigen ist ganz klar die Olympia-Norm.

Anna Hahner im Interview 2015

Anna Hahner bei der Pressekonferenz in Berlin am Donnerstag.

Bild: photorun.net

Anna Hahner ist zurzeit Deutschlands beste Marathonläuferin. Erst 25 Jahre alt, hat sie sich seit ihrer Marathon-Premiere 2012 kontinuierlich gesteigert und lief im vergangenen Jahr beim Berlin-Marathon mit 2:26:44 Stunden ihre aktuelle persönliche Bestzeit. Ihr größter Erfolg gelang ihr im Frühjahr 2014. Damals gewann sie sensationell den Wien-Marathon. Anna Hahner startet für den Verein Run2Sky und lebt mit ihrer Zwillingsschwester Lisa in Gengenbach (Schwarzwald). Im Vorfeld ihres Starts in Berlin gab Anna Hahner das folgende Interview.

Berlin scheint Ihr Lieblings-Marathon zu sein. Sie gehen bereits zum dritten Mal beim Berlin-Marathon an den Start. Was gefällt Ihnen hier besonders?

Ich finde die Stadt großartig, und beim Marathon ist die Atmosphäre unglaublich. Es gibt in Berlin keinen Meter ohne Mega-Stimmung. Der Höhepunkt ist für mich die lange Zielgerade. Wenn ich um die Ecke laufe und dann das Brandenburger Tor in der Ferne sehe, dann kribbelt es im ganzen Körper. Es ist einfach gigantisch, durch das Tor zu laufen. Aber auch der Start mit dem Blick auf die Siegessäule ist sehr eindrucksvoll. In Berlin sind viele historische Gebäude perfekt eingebunden in die Strecke. Bei meinen vergangenen beiden Marathonrennen in Berlin habe ich zudem gemerkt, dass mir der Kurs super gut liegt. Obwohl ich mit Hügeln kein Problem habe, kommt mir diese Strecke mit wenigen Höhenunterschieden entgegen.

Mit welchen Zielen gehen Sie am Sonntag an den Start?

Im vergangenen Jahr habe ich ja in Berlin meine persönliche Bestzeit deutlich verbessert. Ich möchte dieses Mal auf der superschnellen Strecke wieder eine Zeit in diese Richtung erreichen und vielleicht noch einen Tick schneller laufen.

Welche Rolle spielte der Marathon in Rio, bei dem Sie Ende Juli an den Start gingen?

Ich habe im Januar vom Rio-Marathon erfahren und dachte mir, das wäre toll, wenn ich dort ein Jahr vor den Olympischen Spielen laufen könnte, um mich mit den Gegebenheiten und den klimatischen Bedingungen vertraut zu machen. Ich habe dann mit meinem Trainer Renato Canova darüber gesprochen. Er fand die Idee gut und hat den Rio-Marathon in meinen normalen Trainingsplan eingebaut. Das Rennen war für mich ein Vorbereitungslauf auf den Berlin-Marathon 2015. Ich wollte als Vorbereitung eine Zeit um die 2:40 Stunden laufen, meine Zeit von 2:39:15 Stunden lag somit genau im Fahrplan. Und dass ich damit den zweiten Platz belegen konnte, war umso cooler. Die Strecke des Rio-Marathons ist natürlich eine andere als der olympische Kurs, und dennoch konnte ich sehr wichtige Erkenntnisse für den olympischen Marathon sammeln.

Die Olympischen Spiele 2016 sind Ihr großes Ziel?

Ja, im nächsten Jahr will ich unbedingt in Rio dabei sein. Deswegen habe ich in Berlin natürlich vor allem auch das Erreichen der Norm für die Spiele im Blick (2:28:30 Stunden, d. Red.). Berlin bietet mir optimale Bedingungen, um dieses Ziel zu erreichen.



Nach einem Ermüdungsbruch im Wadenbein wird Ihre Schwester Lisa am 25. Oktober in Frankfurt ihr Marathon-Comeback laufen. Was trauen Sie Ihr zu?

Lisa ist nach ihrer Verletzung sehr gut wieder zurück ins Training gekommen. Sie konnte zunächst durch Rennradfahren eine super Grundlage legen – das war ganz so wie bei mir nach meinem Ermüdungsbruch im Frühjahr 2013. Dadurch ist es gelungen, die Belastungen beim Laufen gut zu steigern. Ich bin überzeugt davon, dass Lisa in Frankfurt unter 2:28:30 Stunden laufen kann und damit ebenfalls die Qualifikation für den Olympia-Marathon in Rio schaffen kann. Das ist natürlich ein Sprung von ihrer derzeitigen Bestzeit von 2:30:17 Stunden. Lisa konnte 2014 und nun im Frühjahr 2015 jeweils keinen Marathon laufen, hat aber jeweils die Vorbereitungen mitgemacht. Daher hatte sie eigentlich schon 2014 das Vermögen, unter 2:30 Stunden zu laufen.

Wie wichtig ist es für Sie, dass Sie beide zusammen trainieren können? Wie schwierig ist es, wenn eine von Ihnen verletzungsbedingt einige Zeit ausfällt?

Es ist natürlich ein Mega-Vorteil, wenn wir zusammen trainieren können. Aber es ist trotzdem nicht das primäre Ziel. Denn auch wenn wir beide fit sind und gleich aussehen, gibt es Unterschiede, die die Regeneration und das Training betreffen können. Es kann sein, dass wir bei einem 80-Minuten-Programm mit Tempowechseln nur 20 Minuten zusammen einlaufen, und danach rennen wir getrennte Wege. Wenn eine von uns verletzt ist, ist das kein Nachteil für die andere. Denn die, die nicht laufen kann, zieht die andere nicht runter – im Gegenteil, wir unterstützen uns immer gegenseitig. Als Lisa noch nicht wieder rennen durfte, hat sie zum Beispiel Gehübungen auf dem Rasen im Stadion gemacht oder ist Radgefahren während ich gelaufen bin. Lisa hat mir jetzt übrigens voraus, dass sie mit dem Mountainbike über eine Flasche springen kann – damit muss ich mich im Herbst mal beschäftigen…

Gibt es neben dem unfangreichen Training zurzeit Zeit für Hobbies oder andere Tätigkeiten?

Wir haben das Glück, dass unser Hobby ja zugleich unser Beruf ist. Das ist richtig cool! Zurzeit beschäftigen wir uns auch viel mit dem Hahnertwins Club. Es gibt viele Kontakte zu Breitensportlern, und wir schaffen es, alle Fragen individuell zu beantworten.

Sie sind im Frühjahr 2012 Ihren ersten Marathon in Düsseldorf gelaufen. Wie sehen Sie Ihre bisherige Karriere im Marathon?

Meine Marathonkarriere ist mit den Olympischen Spielen verknüpft. Ich wäre nicht so früh schon meinen ersten Marathon gelaufen, wenn es nicht die Chance gegeben hätte, die Olympia-Qualifikation zu schaffen. 60 Meter vor dem Ziel habe ich dann damals in Düsseldorf die Uhr gesehen und mir gesagt, verdammt, es reicht nicht ganz. Es war mir aber sofort klar, dass die Spiele in Rio 2016 das große Ziel sein würden. Ich hatte den Marathon entdeckt, das klassische Rennen ist seitdem meine große Leidenschaft. Olympische Spiele und Marathon – das ist das Größte überhaupt.

Sie hatten schon große Erfolge in Ihrer noch jungen Karriere, zum Beispiel der Sieg beim Wien-Marathon 2014.

Damit hatte ich zu diesem Zeitpunkt natürlich noch nicht rechnen können. Gleiches galt für meine Bestzeit in Frankfurt im Herbst 2013, als ich mich auf 2:27:55 Stunden steigern konnte. Es gibt manchmal unerwartete Sprünge, aber das Training hat dann vorher auf eine Verbesserung hingedeutet. Es ist einfach wichtig, dass man gelassen, locker und mit einer gewissen Unbekümmertheit in einen Marathon geht – ich versuche das heute noch so zu machen wie vor meinem ersten Marathon.

Was ist in der Zukunft möglich?

Ich setze mir keine Grenzen. Ich glaube, dass ich noch sehr viel schneller rennen kann als bisher. Mit jeder Marathonvorbereitung werde ich stärker. Dabei hilft es, dass ich mit Renato Canova einen wirklich coolen Trainer habe. Er ist mit Leidenschaft dabei, und sein Ziel ist es, dass wir so schnell wie möglich laufen. Diese Zusammenarbeit macht viel Spaß. Mal sehen, wie weit wir noch kommen.

Gibt es ein Traumziel?

Es wäre toll, wenn ich 2024 bei Olympischen Spielen in Hamburg Marathon laufen könnte. Zuvor haben wir auf jeden Fall die Europameisterschaften 2018 in Berlin als ,Heimspiel’.

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