Dieter Baumann

"Ich bin ein Ogger"

Dieter Baumann wird von Radfahrern und Kindern verschmäht und bekennt freimütig in seinem Lauf der Woche: "Ich bin ein Ogger!"

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Kinder meinen es nicht gut mit ihm: Baumann, der Ogger.

Bild: Ella / istockphoto.com

Lauf der Woche
Dienstag, 22. März 2011
Tübingen, Märchensee
Schmähgesangslauf: 2:49 Stunden


Ich melde mich vom Dauerlaufen, von meiner Lieblingsrunde: einmal um den Märchensee. 2:49 Stunden. Gut, um den Märchensee braucht man in Wirklichkeit nur zwei Minuten. Aber der Weg dorthin ist weit, 55 Minuten Laufzeit. Es war herrliches Wetter und schon am ersten Grillplatz waren hunderte von Kindern, Wandertag oder so was. Kaum sah mich einer, rief er: „Eins – zwei, eins – zwei!“ Alle drehten sich um und brüllten: „Eins – zwei, eins – zwei.“

Auch Michael Ballack brüllte am vergangenen Spieltag der Bundesliga irgendein Zeug in die Fankurve und alle schrien es ihm nach. Jemand hatte ihm ein Megaphon in die Hand gedrückt und er war nach seinem tollen Spiel wahrscheinlich auch nicht mehr ganz bei sich.

Ganz im Gegensatz zu mir. Ich war vollkommen bei mir (nach knapp einer Stunde war noch nix mit Endorphinen und so) und ganz Pädagoge. Immer wenn die Kinder zwei riefen, brüllte ich: drei. Aber sie kennen das wahrscheinlich, ich wurde einfach übertönt und versuchte schnell außer Hörweite zu gelangen.

Das hätte Ballack auch machen sollen. Nix Fankurve und Megaphon, in aller Stille sein tolles Spiel genießen. Nach solchen Spielen ist man aufgewühlt, emotional auf hundertachtzig und später weiß man nicht mehr, was man eigentlich getan hat. Nach einem Zieleinlauf war das bei mir auch so. Was, eine Flugrolle gemacht? Nach Barcelona? Keine Ahnung. Ballack wusste bestimmt nicht, was ihm einer ins Ohr geflüstert hat. Er schrie es (leider) einfach nach.

Auf dem Weg zurück vom Märchensee machte ich noch eine kleine Schleife über den Schönbuch – das ist meine Spezialität: Schleifen dranhängen! –, also auf dem Weg zurück über den Schönbuch kam ich bei einem Waldkindergarten vorbei. Die Kinder blieben alle stehen und schauten mich mit großen Augen an. Eine Erzieherin zeigte auf mich und sagte: „Schaut Kinder, ein Jogger.“ Ich hob den Zeigefinger und sagte: „Läufer! Ich bin ein Läufer!“ Doch schon zeigte das erste Kind auf mich und babbelte: „Ogger!“

Ich oggerte weiter und nach knapp 2:40 Stunden lief ich die letzten zwei Kilometer auf einem Radweg, überholte dort einen Radler mit Kinderanhänger. Ich war ausgehungert, hatte nichts mehr zu Trinken und mein Oberschenkel krampfte sich zu – bei jedem Schritt! Kurzum: Ich war aufgewühlt, emotional auf hundertachtzig und nicht mehr ganz bei mir. Der Mann auf Rad sagte: „Schaut Kinder, ein Jogger hat uns überholt“. „Ich bin kein Jogger“, brüllte ich zurück. „Ich bin ein Ogger“ – doch die Kinder schrien schon: „Eins – zwei, eins – zwei!“

DFB – eröffnen Sie bitte ein Verfahren.



Ab sofort:
Dieter Baumann und Martin Grüning, Stellvertretender Chefredakteur von RUNNER'S WORLD, bloggen zum 100-km-Lauf in Biel, den beide in diesem Jahr laufen wollen.

Dieter Baumann: Lauf der Woche:

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