Jo Schindler

"Der Marathon hat einen Aufschwung genommen!"

Jo Schindler, Race director des Frankfurt-Marathons, über die Entwicklung seines Marathons und die Perspektiven des Marathons allgemein.

Jo Schindler

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Bild: Privat

Runner's World: Herr Schindler, der Frankfurt-Marathon ist der älteste Stadtmarathon in Deutschland. Die Erstauflage fand am 17.5.1981 statt, eine 30-jährige Geschichte. Was waren rückblickend die Highlights vor allem der Anfangsjahre?

Schindler: Schon unter dem Namen Hoechst-Marathon wurde ein Weltklasseniveau erreicht, was sportliche Leistungen, aber auch die Organisation betraf. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung etwa schrieb nach der zweiten Austragung 1982, dass der Frankfurter Marathon auf dem Niveau des Boston-Marathons angekommen sei. Und der war und ist immerhin der legendärste Marathon der Welt. Höhepunkte waren sicherlich im sportlichen Bereich der Deutsche Rekord von Charlotte Teske im Jahre 1983 mit 2:28:32 h oder die Dreifach-Triumphe von Herbert Steffny, 1985, 1989 und 1991 und Katrin Dörre-Heinig von 1995 bis 1997. Aber vor allem die Leistungsdichte unter den Vereinssportlern war extrem beeindruckend. Bezeichnend dafür war die große Zahl der Läufer, die unter 3:00 Stunden blieben. Einzigartig war natürlich in den Anfangsjahren die Unterstützung des Unternehmens Hoechst, das Mitarbeiter ausschließlich zur Organisation der Veranstaltung freistellte und diesen Zugriff auf alle Abteilungen gegeben hat, die sie brauchen konnten: Werbe- und Marketing-Abteilung sowie zum Beispiel auch die Ausbildungswerkstatt. Das sind Gegebenheiten gewesen, die damals, und erst recht heute, ungewöhnlich waren. Aber für den Marathon ein großes Geschenk.

Runner's World: Die Laufszene hat sich in den letzten 30 Jahren enorm entwickelt, verändert. Wo steht der Marathon heute?

Schindler: Der Marathon hat in den letzten dreißig Jahren einen unglaublichen Aufschwung genommen. Er ist als Sportevent in der Freizeit des Deutschen angekommen, wie natürlich überhaupt das Laufen bzw. der Ausdauersport. Und während man noch vor zwanzig Jahren beim Laufen mit den belächelnden Zurufen „Eins, zwei, eins, zwei“ konfrontiert wurde, bekommt man heute einen bewundernden Blick hinterher geworfen. Laufen ist heutzutage nicht nur als gesunder Sport akzeptiert, sondern in bestimmten Kreisen gehört es inzwischen einfach dazu, dass man einen Marathon geschafft hat. Das Marathonlaufen hat sich vom Sport für Verrückte zur Visitenkarte extrem Fitter gewandelt.

Runner's World: Aber nun gibt es seit zwei Jahren bei einigen Marathons leicht rückläufige Teilnehmerzahlen. Nicht in Frankfurt oder Berlin, aber anderswo...

Schindler: Unabhängig davon, ob derzeit einzelne Marathonveranstaltungen mal mehr oder weniger Teilnehmer haben, muss man die Fülle der Marathonveranstaltungen berücksichtigen, die sich heute Konkurrenz machen. Ich gehe davon aus, dass die leicht negative Tendenz, das Gesamtteilnehmerkontingent betreffend, nur eine Delle ist, kein anhaltender Trend. Wir stellen zum Beispiel in Frankfurt fest, dass sich zum jetzigen Zeitpunkt so viele Junge angemeldet haben wie noch nie. Von daher bin ich optimistisch und glaube, dass sich auch aus dem leichten Triathlon-Boom wieder neue Marathonläufer entwickeln. Der Triathlonsport ist langfristig zu aufwendig, da ist der Marathon eine gute Alternative. Nichtsdestotrotz weiß ich, dass wir nicht die Hände in den Schoß legen dürfen, sondern weiterhin aktiv um unsere Klientel buhlen müssen. Eine große Portion Optimismus schöpfe ich aus den Entwicklungen in den USA. Das dortige Freizeitverhalten war immer Vorreiter für das, was bei uns in Deutschland geschieht. Und in den USA boomt der Marathon wieder, vor allem bei den Frauen. Und so wie die Joggingwelle Ende der siebziger Jahre zu uns rüberschwappte, so wird es auch der erneute Marathon-Hype tun.

Runner's World: Es gab gute und schlechte Jahre in Frankfurt rund um den Marathon. Was waren die Tief-, was waren die Höhepunkte - vor allem aus organisatorischer Sicht?

Schindler: Der Tiefpunkt war sicher das Jahr 1986, in dem aus diversen Gründen kein Marathon stattfand. Einer der Höhepunkte war 2003 der erste Einlauf in die Festhalle. Ein einmaliges Ereignis, bei dem viele vorher große Bedenken hatten, ob es organisatorisch zu bewältigen sei, die Läufer schnell genug durch den Zielkanal wieder aus der Halle heraus zu begleiten. Es gelang, und unser Einlauf ist bis heute ein einmaliger emotionaler Höhepunkt einer Marathonkarriere und ein weltweites Alleinstellungsmerkmal.

Runner's World: Welche Rolle spielte die Stadt Frankfurt bei der Entwicklung des Marathons?

Schindler: Eine sehr gute Rolle. Ohne die Stadt würde es den Marathon heute nicht mehr gegeben. Nachdem 1986 der Marathon ausgefallen war, gab es eine Initiative von der Stadt, diesen neu zu beleben. Die spätere Oberbürgermeisterin Petra Roth und die spätere Sportdezernentin Sylvia Schenk hatten beide erkannt, dass ein Marathon ganz wichtig für das Stadtmarketing sein könnte. Etwas, was andere Städte erst später erkannten. Die Stadt begleitet und unterstützt uns auch heute noch sehr stark. Und wenn ich Frankfurt mit anderen Städten vergleiche, können wir uns überhaupt nicht beklagen. Wenn ich natürlich den Vergleich speziell zum Fußball wage, ginge natürlich noch mehr. Aber grundsätzlich sage ich: Es ist toll, was die Stadt für den Marathon leistet.

Runner's World: Seit diesem Jahr gibt es mit BMW einen neuen Titelsponsor aus der Automobilbranche, eröffnet das neue Perspektiven und wenn ja, welche?

Schindler: Natürlich eröffnet das neue Perspektiven. Alleine, was die Öffentlichkeitswirksamkeit betrifft, wenn ein DAX-Unternehmen wie BMW sich so stark einer Sportart wie dem Marathonlauf zuwendet. Das sage ich ganz unabhängig von Frankfurt. Wenn BMW sagt, wir unterstützen die zwei Marathons in Deutschland, die uns am qualitätsvollsten erscheinen als Titelsponsor, also Berlin und Frankfurt, und engagieren uns auch noch bei den drei weiteren großen Marathons in Hamburg, Köln und München, dann ist das sicher etwas, was auffällt. Und ich bin sicher, dass das auch andere Unternehmen, die im Sponsoring aktiv sind, genau verfolgen. Damit eröffnen sich dem Laufsport neue Chancen. Und vor allem gilt natürlich: Mit dem Bekanntheitsgrad und den finanziellen Möglichkeiten, die BMW bietet, eröffnen sich längerfristig neue Chancen für die Marathons, wie sie sie bisher kein Sponsor eröffnen konnte. Für das Engagement von BMW spricht auch die langfristige, strategische Planung der Aktivitäten. Dazu gehört zum Beispiel, dass man die Freizeitläufer über die SportScheck Stadtläufe ansprechen will und darauf aufbauend das Marathon-Engagement sieht.

Runner's World: Der Frankfurt-Marathon feiert also am 30. Oktober seinen 30. Geburtstag. Gibt es zu diesem Anlass Neues?

Schindler: Ja, wir haben noch mal an der Strecke gebastelt und in der zweiten Innenstadtrunde, also auf den letzten sieben Kilometern, noch mal einige Kurven rausgenommen, um die Strecke flüssiger zu machen. Damit schielen wir natürlich in Richtung des Streckenrekords. Wir haben eine Entzerrung zwischen Marathon und Staffel-Marathon geplant. Die Staffeln werden erst dreißig Minuten nach den Marathonläufern gestartet. Damit bekommen Marathon- und Staffelläufer mehr ihre eigenen Rennen. Wir geben eine Jubiläumsschrift heraus, die sich um die 30 Jahre Frankfurt-Marathon dreht, wahrscheinlich als CD-Beilage zum Programmheft. Wir basteln zurzeit an einer Ausstellung zum Jubiläum, bei der auch Erinnerungsstücke von Teilnehmern gezeigt werden sollen. Dazu haben wir schon sehr schöne Sachen bekommen. Wir werden eine nette Feier für die ehemaligen Sieger und vor allem die vielen Helfer machen. Und auf jeden Fall bekommen alle Teilnehmer als Jubiläumsgeschenk einen hochwertigen Rucksack.

Runner's World: Die letztjährige Siegerzeit von 2:04:57 h und die Optimierung der Strecke machen einen Weltrekord in Frankfurt möglich. Sind Sie darauf vorbereitet?

Schindler: Es gibt in diesem Jahr erstmals eine Weltrekordprämie von 50.000 Euro. Ich denke, dass man den nächsten Schritt gehen musste, nachdem Wilson Kipsang im Vorjahr nur 58 Sekunden über dem Weltrekord blieb. Wir bekennen uns zum absoluten Spitzensport, und wenn dann solche Ergebnisse die Folge sind, dann muss wer A sagt, auch B sagen.

Runner's World: Sie sind selbst Marathonläufer, welcher Marathon ist Ihnen am besten in Erinnerung?

Schindler: Meine Bestzeit in Frankfurt, ist doch klar. Es waren 2:46 Stunden irgendwann Mitte der neunziger Jahre. Und in jüngster Vergangenheit am ehesten meine erste Teilnahme in New York im Jahre 2007. Für jeden Läufer ein einschneidendes Erlebnis.

Runner's World: Und wenn Sie könnten, welchen Marathon würden Sie noch gerne, unabhängig vom Frankfurter, als Race Director dirigieren?

Schindler: Natürlich will ich in Frankfurt weitermachen! Aber was Neues, Anderes würde ich nur dort machen wollen, wo ich etwas bewegen könnte, wo die Stadt mitzieht, wo es ein engagiertes Umfeld gibt. Ich fände es zu platt, mir jetzt Ihnen zuliebe einen von den Großen, also New York, London oder Chicago, rauszusuchen. Nein, ich will machen, etwas entwickeln, das reizt mich mehr, als mich auf fremden Lorbeeren auszuruhen.