Michaela Kummer

Blinden-Weltrekordlerin im Porträt

Michaela Kummer hält den Weltrekord im Blinden-Marathon. Sie lief beim Frankfurt-Marathon eine Zeit von 3:20:43.

Frankfurt Marathon 2009

Siegerin Michaela Kummer.

Bild: Norbert Wilhelmi

„Die Ohren sind meine Augen“, sagt die zierliche Frau mit der schwarzen Sonnenbrille. Michaela Kummer ist wegen einer Netzhaut-Erkrankung seit ihrem siebten Lebensjahr fast blind. Mit einem Sehrest von zwei Prozent lief sie am 25. Oktober den Marathon in Frankfurt. Sie lief eine Zeit von 3:20:43 Stunden. Damit errreichte die 44-Jährige den Weltrekord in ihrer Disziplin.

„Ich hätte auch durch München laufen können“, gibt Kummer zu, die seit 17 Jahren läuft. Von der Marathon-Strecke vorbei an Frankfurts Hochhäusern hat sie nichts mitbekommen. Was für die sehbehinderte Läuferin zählt, sind Bordsteinkanten, Gullideckel und Kopfsteinpflaster. Damit sie darüber nicht stolpert, lässt sie sich bei Wettkämpfen von einem sehenden Läufer am Band führen. Weil es für einen allein zu anstrengend ist, wechseln sich bis zu vier sogenannte Guides auf der Langstrecke ab.

„Wir haben einfach zwei Schnürsenkel zusammengeknotet“, erzählt Kummer. „Wir“ sind Michaela Kummer und ihr Ehemann Oliver, der sie bis Kilometer 25 begleitete. Anschließend übernahm der zweimalige Ironman-Europameister Timo Bracht das Band und führte die Frau seines Triathlon-Freunds sicher über den roten Teppich in die Frankfurter Festhalle. „Timo und ich haben zuvor nur ein einziges Mal zusammen trainiert“, sagt Kummer über den Profi-Triathleten, „beim Marathon habe ich ihm blind vertraut“. 50 Meter vor jeder Kurve zählte Bracht die Sekunden bis zum gemeinsamen Abbiegen herunter und nahm Kummer an die kurze Leine.

Während die beiden Männer das eine Ende des verlängerten Schnürsenkels am Oberarm getragen haben, legte Kummer Wert darauf, das andere in der Hand zu halten: „Ich will die Kontrolle behalten.“ Deshalb trainiert die 44-Jährige auch selbstständig Intervalle auf der Tartanbahn. „Mein Mann stellt mir den Timer so ein, dass er alle 200 Meter piepst“, erklärt die Läuferin ihre Trainingsmethode. Trotz fortschreitender Erblindung kann sie noch die weißen Ränder der einzelnen Bahnen erkennen und somit geradeaus sprinten.

Gelegentlich läuft Kummer mit ihrer Tochter Pia durch ihre Heimatstadt Calw. Die Zehnjährige weist ihrer Mutter per Kommando den Weg. „Wenn die beiden Kinder älter werden, lege ich mir einen Blinden-Hund zu“, sagt Kummer über ihre Pläne. Denn das Laufen bereitet ihr nicht nur Freude, sondern bedeutet für die Sehbehinderte auch ein Stück Freiheit: „Ich kann alleine was machen.“

Michaela Kummer nach dem Marathon in Frankfurt.

Bild: Norbert Wilhelmi

Dass sie mit zwei Prozent Sehrest einen neuen Weltrekord in der Blinden-Kategorie T12 aufgestellt hat, ist für Kummer reine Formsache: „Ich bin nur gesetzlich blind - ich seh‘ ja noch was!“ Dennoch hofft sie auf die Anerkennung durch das International Paralympic Committee. „Dann kann ich meinen Kindern und anderen Gehandicapten was vorleben“, erklärt Kummer ihre Absicht. Wie sie als Sehbehinderte erfolgreich ihren Berufsalltag meistert, bekommen ihre Patienten jeden Tag zu spüren: Kummer arbeitet als Masseurin in einem Krankenhaus.

In ihrer Freizeit trainiert Michaela Kummer bereits wieder für den nächsten Wettkampf, einen Zehn-Kilometer-Lauf. Dazu steigt sie fast täglich aufs Laufband. Während andere im Fitness-Studio Musik hören, stellt sich die Sehbehinderte beim Laufen eine Wiese vor: „Ich erinnere mich daran, dass eine Wiese nicht nur aus einer grünen Fläche, sondern aus einzelnen Gräsern besteht.“

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