Laufschuhe

Wie viel Stabilität braucht ein Laufschuh?

Das meinen ein Test-Redakteur, ein Lauf-Arzt, ein Buchautor und ein Trainingsexperte.

Der Testredakteur sagt:
„Stabilität bei Laufschuhen lässt sich nicht in einer Qualitätsskala darstellen. Die Devise „je stabiler, desto besser“ stimmt nicht. Was für den einen Läufer stabil genug ist, ist für den anderen zu weich und für den dritten zu hart. Ich vermute, dass bei Läufern mehr Verletzungen durch zu stabile als durch zu wenig stabile Laufschuhe verursacht werden. Überpronationsstützen sind im Durchschnitt wahrscheinlich stärker verletzungsverursachend als die Überpronation selbst. Grundsätzlich sollte ein Laufschuh stabil genug sein, um den normalen Bewegungsablauf zu unterstützen, aber nicht um ihn zu bestimmen.

Urs Weber, Redakteur der RUNNER'S WORLD

Bild: Runner’s World

Die grundsätzliche Frage lautet ja: Wozu braucht man Stabilität? – Die Antwort ist abhängig von zahlreichen Variablen. Die wichtigsten sind die Laufbedingungen (Laufuntergrund), das Einsatzgebiet des Schuhs (Training/Wettkampf) und die körperlichen Voraussetzungen des Läufers, vor allem Laufstil und Gewicht. Schließlich macht es den größten Unterschied bei der Beanspruchung eines Laufschuhs, ob der Läufer 60 Kilo oder 110 Kilo wiegt ein tonnenschwerer Autobus benötigt auch ein stabileres Fahrwerk als ein Kleinwagen. Für jeden einzelnen Läufer gilt: Man muss mit der Zeit und zunehmender Lauferfahrung herausfinden, in welchen Laufschuhen man sich am wohlsten fühlt, also wie viel beziehungsweise wie wenig Stabilität die Schuhe bieten sollen, um ein gutes Laufgefühl zu vermitteln.
Urs Weber, RUNNER'S WORLD


Der Lauf-Arzt sagt:
„Ein Normalfuß mit natürlichem Pronationsverhalten benötigt m. E. keinen Stabilschuh. Ein stark gestützter Schuh wird das Bewegungsverhalten sogar eher negativ beeinflussen, da er die erwähnten natürlichen, individuellen Bewegungsabläufe einschränkt. Zudem ist er in der Regel schwer, klobig und mit einer hohen Fersensprengung versehen, die ein weiteres dazu beitragen, für einen vom Laufschuh bestimmten Laufstil (statt eines vom Läufer bestimmten) zu sorgen. Dass sich daraus Verletzungsprobleme entwickeln können, sich zumindest aber nicht die optimale Laufökonomie einstellen wird, liegt auf der Hand. Meines Erachtens sollte ein Laufschuh den Bewegungsablauf bei normaler Statik und natürlichem Bewegungsverhalten so wenig wie möglich beeinflussen.“
Dr. med. Thomas Wessinghage


Der Buchautor sagt:
„Grundsätzlich befürworte ich das Maximum an natürlichem Bewegungsablauf. Aber schon die Tatsache, dass wir uns auf ein gedämpftes Material stellen, verändert die Abrollbewegung enorm. Die an sich optimale natürliche Pronation wird durch das Einsinken in die dämpfende Sohle verstärkt und auch zeitlich verlängert. Das ist unproblematisch, solange der Schuh neu ist. Bei häufigem und rechtzeitigen Schuhwechsel kann man also zum Dämpfungsschuh raten, wenn eine Normalpronation vorliegt. Durch die hunderttausendfache Stauchung der medialen (Innen-)Seite der Sohle beim Abrollvorgang wird allerdings der Schuh hier weicher und beginnt auch, die aufrechte Achse zu verlassen (schief gelaufen). Ich empfehle daher beim Neukauf eine leichte Überkorrektur in Richtung Stabilschuh, was sich dann im Laufe des Schuhlebens zu einem neutralen Verhalten entwickelt. Wenn der Schuh älter wird, heben sich die mediale Stütze und mediale Überlastung auf, der Schuh lässt den Fuß natürlich abrollen.“
Frank Czioska, Autor „Der optimale Laufschuh“


Der Trainingsexperte sagt:
„Nun beschäftige ich mich schon seit mehr als einem Jahrzehnt mit Laufschuhen, habe Generationen davon getestet, habe schon mehr als ein Dutzend von biomechanischen Untersuchungen meines Laufschrittes, meines Fußverhaltens etc. in den letzten 20 Jahren genossen, welche immer zu einem Ergebnis kamen: Ich bin ein Normalfußläufer mit normaler Pronation! Und doch kann ich mich bei der Auswahl „meiner“ Laufschuhkategorie noch immer nicht entscheiden. Eigentlich müsste ich es doch besser wissen: Für mich kommen theoretisch ausschließlich Neutralschuhe oder Stabilschuhe mit dosierter Stabilität in Frage. Aber warum fühle ich mich dennoch ab und zu auch in Bewegungskontrollschuhen ebenso wohl wie anderntags in Lightweight-Trainern?

Trainingsexperte Martin Grüning

Bild: Runner’s World

Martin Grüning, stellv. Chefredakteur der RUNNER'S WORLD

1. Weil beim Laufen der Laufschuh nicht alles ist und man das Laufen nicht alleine dem Laufschuh überlassen kann. 2. Weil das Wohlgefühl im Schuh auch sehr viel mit Laufterrain, Lauftempo, Streckenlänge etc. zu tun hat und 3. weil z. B. Stabilschuh nicht gleich Stabilschuh ist, sondern die Kategorisierungen teilweise fließend sind und von Hersteller zu Hersteller (sogar auch innerhalb der Produktpalette einzelner Hersteller) variieren.
Mein Fazit nach 25 Laufjahren: Vor der Entscheidung für einen speziellen Laufschuh schlüpfe ich in so viele Modelle wie möglich – aller Kategorien! Und am Schluss entscheide ich mich niemals für einen speziellen Schuh, sondern nehme/nutze immer mehrere gleichzeitig – verschiedener Kategorien.
Martin Grüning