Laufschuhe

Wie viel Stabilität braucht ein Laufschuh?

Experte Prof. Dr. Alexander Weber zu einem heiss diskutierten Thema - Laufschuhe.

Laufschuh_Stabilität

Wie viel Stabilität brauchen Läuferinnen und Läufer in ihren Laufschuhen?

Vor gut 25 Jahren lernte ich einen damals 40-jährigen Läufer kennen, der mir imponierte, weil er gleichermaßen im Beruf und Laufsport sehr erfolgreich war. Etliche Male gewann er in seiner Altersklasse den anspruchsvollen Herrmannslauf (31 hügelige Laufkilometer von Detmold nach Bielefeld auf dem Kammweg des Teutoburger Waldes). Sein Laufstil stach ins Auge: der ziemlich nach vorn gebeugte Oberkörper, die gespreizte Armhaltung, die stark nach außen gestellten Füße mit ausgeprägtem Einwärtsknicken in der Abrollphase.

Ich hatte gerade zu der Zeit ein Kategoriensystem zur systematischen Beobachtung von Laufschuhen in der Praxis entwickelt. Schon von daher war ich sehr daran interessiert, von diesem Läufer zu erfahren, welche Laufschuhe er bevorzugt, ob er beschwerdefrei liefe, öfter verletzt sei usw.. Seine Aussagen ließen mich erstaunen: er liefe generell in leichten Turnschuhen, die wie eine zweite Haut am Fuße sitzen müssten. Das führe zwar regelmäßig zu schwarzen Zehennägeln, aber das störe ihn weiter nicht. Wegen Verletzungen habe er bisher kaum einmal mit dem Laufen pausieren müssen.

Diese Beobachtung eines einzelnen Läufers mag zu den Ausnahmen zählen, die eine allgemeine Regel nur bestätigt. Die Regel besagt, dass Läufer mit der Fußfehlstellung „Überpronation“ Laufschuhe mit entsprechenden Stabilitätselementen (sog. Pronationsstützen) zu tragen hätten, um Gesundheitsrisiken vorzubeugen bzw. zu vermeiden. Wie hoch ist bei der Regel der Anteil ungeklärter Varianz?

Nike Air zoom Structure Triax+ 11 gehört zu den neuen Laufschuhen 2008, die wir hier vorstellen.

Wie viel Stabilität brauchen Läuferinnen und Läufer in ihren Laufschuhen? Das kommt darauf an! – Eine Variable allein – wie im Beispiel die Überpronation – reicht für eine allgemein gültige Vorhersage, für eine zielgenaue Empfehlung, nicht aus. Laufen ist ein multivariater, sehr komplexer Vorgang. Und letztlich eine praktische Kunst – nicht Wissenschaft.

Bei der Ausübung der praktischen Kunst müssen wir Läufer, wenn wir mit gesundheitlichem Gewinn, beschwerdefrei und möglichst bis ins hohe Alter laufen wollen, auch auf die Weisheit unseres Körpers setzen. Wir müssen seine Stimme wahrnehmen und ihr vertrauen. Man soll nicht mit seiner Erfahrung protzen, nicht mit ihr kokettieren. Doch das folgende Beispiel, an mir selbst erfahren, kann exemplarisch für das stehen, was hier in Rede steht.

Seit 30 Jahren teste ich Laufschuhe. Meine Füße lernten viele hundert Laufschuhe kennen, haben sie praktisch erprobt, teilweise erlitten. Ich habe auf langem Weg erfahren, welche Art von Laufschuhen meinem Körper gut tun und welche nicht. Bei 1,80 m Größe, 75 kg Gewicht und neutralem Fußaufsetzverhalten (Mittelfußaufsetzer) bevorzuge ich Laufschuhe der Kategorie „Lightweight“. Auch trage ich gelegentlich Modelle der Kategorie „Stability“ – mit unterschiedlichen Auswirkungen.

An dieser Stelle sei vermerkt: Laufschuhe werden derzeit üblicherweise in fünf verschiedene Kategorien mit folgender Bezeichnung eingeteilt: Dämpfung (neutral-cushioned), Stabilität (stability), Bewegungskontrolle (motion control), Leichtigkeit (lightweight, performance training) und Gelände (trail). Ihre zumeist wenig präzisen Definitionen sind entweder durch ein herausragendes Merkmal charakterisiert oder werden vom Verwendungszweck abgeleitet. Im Falle der Kategorie „Stabilität“ etwa: „Für Läuferinnen und Läufer, die ein bestimmtes Maß an medialer Stütze (Fußinnenseite) sowie eine gute Dämpfung benötigen. Diese Schuhe sind insbesondere für Läufer/innen mit leichter bis mittlerer Überpronation empfehlenswert.“

Meine kürzlich gemachte Erfahrung mit Laufschuhen der Kategorie „Stabilität“ als Fallbeispiel: Ich teste fünf neue Modelle verschiedener Hersteller auf der gleichen Laufstrecke (14 km) jeweils im Abstand von zwei Tagen. Bei drei Modellen habe ich keinerlei Probleme; sie vermitteln ein angenehmes Laufgefühl. Passform, Sitz, Abrollverhalten, alles o.k. Mit den zwei anderen Modellen, ebenfalls hochwertig ausgestattet und in der oberen Preisklasse angesiedelt, habe ich erhebliche Probleme. Bei dem einen verspüre ich bereits nach wenigen Laufkilometern Schmerzen im Quergewölbe des rechten Fußes, bei dem anderen bekomme ich nach dem Laufen Fußkrämpfe.

Schuh_2
Asics Gel DS-Trainer 13 gehört zu den neuen Laufschuhen 2008, die wir hier vorstellen.

Alle fünf Modelle sind von den Herstellern als Stabilschuhe deklariert. An meinem Beispiel – forschungsmethodisch formuliert - wird deutlich: Die Bedingungsvariable „Stabilschuh“ bewirkt unterschiedliche Empfindungen in der abhängigen Variablen „Läufer“.
Die Erkenntnis: Stabilschuh ist nicht gleich Stabilschuh. Die Variation unter den Modellen der gleichen Kategorie zwischen den Laufschuhherstellern (und sogar innerhalb!) ist so groß, dass man generelle Empfehlungen für die Gesamtheit aller Läuferinnen und Läufer eher nicht geben sollte. Eine ganze Reihe spezifischer Merkmale, die in der Person der Läuferin/des Läufers gegeben sind, sollten bei der individuellen Beratung stets mit berücksichtigt werden. Der beste Lehrmeister ist die selbst gemachte Erfahrung.

Wieviel Stabilität braucht ein Laufschuh? Die Frage, so bedeutungsvoll sie für die Gesundheit und das Wohlbefinden der Läuferinnen und Läufer ist, kann, weil zu komplex, nicht mit wenigen Sätzen umfassend beantwortet werden. Im Zweifelsfall gilt für die Wahl des Laufschuhs: So viel Freiheit für die Füße wie möglich, so viel Stabilität und Führung wie nötig!

Lesen Sie hier vier weitere Experten-Meinungen zu diesem Thema.