Filmbesprechung

Kenia hautnah: The Unknown Runner

Zwei Jahre lang begleiteten die Filmemacher von "The Unknown Runner" Geoffrey Kipsang. Eine Filmreportage über Sieg und Niederlage - und der Traum vom ganz großen Triumph.

Wilson Kipsang

Geoffrey Kipsang (links) beim Training im profilierten Gelände.

Bild: acowsaysmoo.nl

Das Bild berührt. Die Kamera fängt die riesigen Augen des Mannes ein, der gerade bei seinem Marathondebüt Dritter des Berlin-Marathons wurde. Eine herausragende Leistung und eigentlich ein Grund zum Jubeln, aber nicht für Geoffrey Kipsang. Dem steht die Trauer erkennbar ins Gesicht geschrieben. Traurig wandern seine Blicke in Richtung der beiden Erstplatzierten, die ausgelassen feiern. Seine Augen flimmern vor Tränen.

Beobachter sehen in dem Youngster schon den nächsten Weltrekordler. Wer ist aber der Mensch hinter diesem Ausnahmeläufer? Genau dieser Frage gingen Regisseur Boudewijn de Kemp und sein Team nach und begleiteten Geoffrey Kipsang zwei Jahre lang mit der Kamera auf dem Weg zu seinem ersten Marathon. Dabei nimmt der Dokumentarfilm seine Zuschauer mit auf eine Reise ins Läuferland Afrika und gewährt tiefe Einblicke in das Leben und den Trainingsalltag seines Protagonisten.

Erstmals trat Geoffrey Kipsang im Jahr 2011 in die sportliche Öffentlichkeit, als er das Juniorenrennen der Crosslauf-Weltmeisterschaft gewann. Danach ging es Schlag auf Schlag. Erst triumphierte er beim Berliner Halbmarathon, dann folgte der Sieg beim Halbmarathon in Lille. Wenig später wurde der damals erst 19-Jährige für die äthiopische Lauflegende Haile Gebrselassie als Tempomacher verpflichtet. Ein Jahr später lief er im Alter von 20 Jahren bei seinem Marathondebüt 2:06:12 Stunden – nur sehr wenige waren bei ihrem ersten Marathon bisher schneller unterwegs.

Mittlerweile rennen die Afrikaner bei den großen Stadtmarathons so ziemlich alles in Grund und Boden. Hinter jedem Erfolg stecken hunderte, nein, abertausende Laufkilometer. Das Rennen selbst ist da nur die Kür für die von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommene Schinderei. Erst wieder während der 42,195 Kilometer der großen Citymarathons dieser Welt sind die Augen und Kameras auf die afrikanischen Topläufer gerichtet. Diesen Kontrast macht der Film deutlich.

Lacht und läuft: Geoffrey Kipsang.

Bild: acoysaysmoo.nl

Der lange Lauf beginnt gemächlich, eben typisch afrikanisch. Noch ist die etwa zehn Mann starke Gruppe dicht beisammen, aber wenig später wird sich das Feld lichten, wenn das Ausscheidungsrennen auf der roten Erde Afrikas beginnt. Das Begleitfahrzeug, aus dem Wasserflaschen gereicht werden, hat größte Mühe durch das unwegsame Gelände zu folgen. Wasserflaschen poltern durch den Innenraum des Kleinbus‘. Geoffrey Kipsang ist mittlerweile ganz alleine unterwegs. Seine Lauffreunde und auch die Lockerheit sind verschwunden, die Anstrengung steht ihm ins Gesicht geschrieben. Sein Ziel: Er will den Berlin-Marathon gewinnen.

Es sind Bilder wie diese, die darstellen, was abseits des Marathon-Blitzlichtgewitters geschieht. Man muss Boudewijn de Kemp und seinem Team ein Kompliment aussprechen, wie unaufgeregt dem Zuschauer Geoffrey Kipsang näher gebracht wird. Zugegeben, hier und da wird es schon pathetisch, immer dann, wenn ehemalige Weggefährten zu Wort kommen. Aber meistens ist es der Protagonist selbst, der sich erklärt. Auf die Frage hin, wie er zum Laufen kam, erzählt Kipsang die Geschichte mit seinem Chemielehrer. Der habe ihn damals darauf hingewiesen, dass er laufen könne. Also lief Kipsang. Und er lief besser als andere, viel besser. Jeder Schritt mehr stärkte sein Selbstbewusstsein. Schüchtern sei er gewesen, bekennt Kipsang, das sei durchs Laufen jedoch verloren gegangen.

Bisher reichte es für den ganz großen Triumph noch nicht, obwohl er zweifelslos das Potential dazu hätte. Hierdurch bekommt der Film ein tragisches, aber auch entlarvendes Moment: Auch wenn die Leistung noch so außergewöhnlich ist, im Rampenlicht steht stets der Sieger. Für den Drittplatzierten bleibt kaum Platz. Kipsang weiß das. Deswegen hat er Tränen in den Augen.

Die Weltpremiere von "The Unknown Runner" fand übrigens am 25. September in Berlin statt, nur vier Tage vor dem Berlin-Marathon. Geoffrey Kipsang startete wieder. Und wieder wurde er Dritter. Den Weltrekord lief ein anderer.

Zusätzliche Infos:

Englischkenntnisse sind nötig, denn der Film ist in englischer Sprache erstellt. Der kostenpflichtige Film-Download ist hier zu finden.

Zur Website des Filmes gelangen Sie hier.

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