Buchbesprechung

Franz Stampfl: Biografie eines Visionärs

Andreas Maier würdigt in seiner Biografie den Ausnahme-Trainer und Visionär Franz Stampfl. Einer seiner erfolgreichsten Athleten, Roger Bannister, lief die Meile erstmals unter vier Minuten.

Franz Stampfl- Biografie eines Visionärs

Franz Stampfl – Trainergenie und Weltbürger: Biografie eines Visionärs.

Bild: SportImPuls

Franz Stampfl – nur wenige Insider dürften diesen Namen schon einmal gehört haben, bevor der Wiener Journalist Andreas Maier die Geschichte seines Landsmannes jetzt in einem Buch mit dem Titel „Franz Stampfl – Trainergenie und Weltenbürger: Biografie eines Visionärs“ veröffentlichte.

Die erste Meile unter vier Minuten von Roger Bannister – auch die Traum-Meile genannt –, gelaufen 1954 in Oxford, der Olympiasieg von Chris Brasher über 3.000 m Hindernis 1956, der 5.000-m-Weltrekord von Chris Chataway (alle Großbritannien) 1954, der 2-Meilen-Weltrekord von Ron Clarke 1967 oder der 800-m-Olympiasieg von Ralph Doubell (beide Australien) 1968 – sie alle haben eine entscheidende Verbindung: Franz Stampfl. Der Österreicher war ihr Trainer. Es sind nur einige einer langen Reihe von international erfolgreichen Athleten, die von Franz Stampfl betreut wurden. Am 18. November 2013 wäre einer der erfolgreichsten Lauftrainer aus dem deutschsprachigen Raum aller Zeiten, der 1995 in Melbourne verstarb, 100 Jahre alt geworden.

Doch die Geschichte von Franz Stampfl geht weit über die sportlichen Aspekte hinaus. Man erfährt in der Biografie, dass der spätere Erfolgstrainer in Wien in einfachen Verhältnissen aufgewachsen ist, eine kaufmännische Ausbildung absolvierte und als Student der Malerei die Kunstgewerbeschule besuchte. In der Leichtathletik brachte er es 1935 zum österreichischen Juniorenmeister im Speerwurf. Offenbar auch aufgrund seiner guten Englischkenntnisse – der damalige Leichtathletik-Cheftrainer Österreichs war ein Amerikaner – wurde Stampfl als Betreuer für das Olympia-Team eingesetzt. Unmittelbar nach den Spielen, so schreibt Andreas Maier, wurde er neben anderen Athleten wegen „gröbster Unsportlichkeit“ gesperrt. Die Hintergründe dieser Sperre sind bis heute unklar.

Aus Mangel an Perspektiven und Angst vor der politischen Entwicklung verließ Stampfl als 23-Jähriger seine Heimat und ging nach London. In Großbritannien, wo er bereits als Trainer gearbeitet hatte, wurde er 1940 jedoch als „feindlicher Ausländer“ verhaftet. Zunächst sollte Stampfl offenbar nach Kanada verschifft werden. Doch die „SS Aronda Star“ wurde bei der Überfahrt im Sommer 1940 von einem deutschen U-Boot versenkt. Von den rund 1.700 Menschen an Bord überlebten nur etwa die Hälfte, darunter Franz Stampfl. Wenig später folgte ein zweiter Schiffstransport für rund 2.500 Menschen. Stampfl wurde unter verheerenden Bedingungen nach Australien deportiert. Zwei Jahre musste er dort in Internierungslagern verbringen und leistete danach Dienst in der australischen Armee.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges kehrte Franz Stampfl nach Großbritannien zurück und nahm seine Trainertätigkeit wieder auf. Der Österreicher war es, der einen Athleten zum ersten Meilenlauf unter vier Minuten führte. Am 6. Mai 1954 erreichte Roger Bannister diese Zeit in Oxford mit 3:59,4 und sorgte damit für weltweite Schlagzeilen. Es war ein geschichtsträchtiger Weltrekord, denn das Durchbrechen der Vier-Minuten-Barriere über die Meile war von der Bedeutung her so etwas wie die erste 100-m-Zeit unter zehn Sekunden. So wie man heute inzwischen anfängt über die Möglichkeit einer ersten Zeit von unter zwei Stunden im Marathon zu diskutieren, so sprach man in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg über die „sub four mile“.

„Als ich seine Fähigkeiten erkannt habe, war Franz der Einzige, mit dem ich über Laufen und Training diskutieren wollte. Seine Persönlichkeit war überwältigend“, wird Roger Bannister in der Biografie zu Franz Stampfl zitiert. Nach dem legendären Meilenrekord feierte der Lauf-Trainer eine Reihe von weiteren großen Erfolgen. Darunter war auch der 5.000-m-Weltrekord von Chris Chataway, der im Oktober 1954 in London 13:51,6 Minuten erreichte. „Franz war ein brillanter Motivator und konnte alles mit Magie überziehen. Er wirkte auf uns, als wäre er aus einer anderen Zeit und einer anderen Welt“, heißt es von Chataway in der Stampfl-Biografie.

Nachdem Franz Stampfl 1955 als Trainer nach Australien wechselte, feierte er mit seinen Athleten weitere Erfolge. Der größte davon war der Olympiasieg in Mexiko City 1968 über 800 Meter durch Ralph Doubell. Seine Grenzerfahrungen im Zweiten Weltkrieg transformierte Stampfl in den Sport: „Der Kern seiner Botschaft war immer: Lass dich nicht von den Umständen unterkriegen“, wird Ralph Doubell zitiert.

Potenzial zum Klassiker hat, so schreibt Andreas Maier, die folgende Aussage von Franz Stampfl: „Running is an art, and every runner must be thought of as an artist.“ Fast bis zu seinem Tod am 19. März 1995 war Stampfl in Melbourne als Trainer tätig. Die letzten 14 Jahre seines Lebens wurde seine Widerstandskraft einmal mehr auf die Probe gestellt, denn nach einem Verkehrsunfall war er an den Rollstuhl gefesselt. Trotzdem setzte Stampfl seine Trainertätigkeit fort.

Mehrfach ist Franz Stampfl nach Österreich zurückgekommen. Bei seinen Besuchen in Wien zwischen 1960 und 1980 hat aber praktisch niemand von ihm Notiz genommen. Keine Institution des Sports, der Kunst und der Wissenschaft konnte Informationen über ihn bereitstellen, schreibt der Autor. Seine Geschichte bietet Stoff für großes Kino und ist mitreißend bis heute. Sie ist längst vergangen und auf faszinierende Weise gegenwärtig. Sie erzählt von Visionen und dem Streben nach Erfolg, von Krieg und Flucht, von Triumphen, Untergängen und der Suche nach einem Platz in der Welt.

Fazit: Diese Biografie ist ein spannendes, lesenswertes Buch und das passende Weihnachtsgeschenk für jeden Läufer, der an der Historie seines Sports interessiert ist.

Franz Stampfl – Trainergenie und Weltbürger: Biografie eines Visionärs
Autor: Andreas Maier. Verlag: SportImPuls, Salzburg-Wien.
ISBN: 978-3-200-03366-5. Preis: 19,40 Euro.

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