Lauf- und Outdoorsandalen

Flipflops statt Laufschuhe?

Taugen Lauf- oder Outdoorsandalen wirklich zum Laufen? Einige Beispiele regen zum Nachdenken an.

Platsch, Platsch, Platsch: Waren das wirklich Badelatschen? Ich traute meinen Augen nicht. Aber tatsächlich – und das Geräusch bestätigte es: Der Läufer mit der Start­nummer 58 lief seinen Marathon in Flipflops! Den kompletten Marathon, also 42,195 Kilometer! Ja, er hat gefinisht.

Nichts ist unmöglich: Dieser Läufer lief den kompletten Tahiti-Marathon in Badelatschen.

Bild: Urs Weber

Die Zeit ist zwar eigentlich zweitrangig, denn der Marathon, bei dem ich den Mann im Läuferfeld entdeckte, war der Tahiti-Marathon – mit einer Durchschnitts­temperatur von 26 Grad und einer Luftfeuchtigkeit, die bei uns in Gewächshäusern für gutes Gedeihen sorgt. Aber umso beachtlicher ist seine Zeit von knapp über vier Stunden. Ich staunte nicht schlecht.

Ähnlich ging es mir vor ein paar Jahren, als wir bei einer Alpen­überquerung einen Läufer dabeihatten, der eine komplette Bergetappe inklusive Pass­überquerung im Schneefeld in Outdoorsandalen lief. Der Schweizer hatte fürchterliche Fersenprobleme – eine sogenannte Haglund-Ferse – und konnte nur in Sandalen laufen, bei denen keine Fersen­kappe auf die empfindliche Fersenpartie drückte. Er tänzelte damit so sicher über die Steinfelsen wie Kinder beim Kästchenhüpfen auf dem Schulhof.

Das wirft natürlich die Frage auf: Werden Laufschuhe überschätzt? Kann man auch mit viel primitiverem Schuhwerk laufen? Schließlich laufen die Tarahumara-Indianer in den Hochlagen Mittelamerikas auch mit an den Füßen befestigten Gummigaloschen, die sie aus alten Autoreifen geschnitzt haben. Und dabei gelten die Tarahumaras ja als wahrhafte Naturtalente im Laufen. Und seit eini­ger Zeit verfolgt Hersteller Nike mit seinem Free-Konzept im Grunde genau den Gegenentwurf zum herkömmlichen Laufschuh: Dem Fuß soll dadurch Bewegungsfreiheit gewährt und er soll an seine natürlichen Bewegungsabläufe erinnert werden. Die Stei­gerung dessen ist der Flipflop. Und wer noch einen Schritt weiter geht, läuft barfuß.

Jede Sportart erfordert ganz spezifisches Schuh­werk, und Laufen definiert sich quasi über die Laufschuhe. Seien wir ehrlich: Gäbe es nicht den modernen Laufschuh mit all seinen Dämpfungs- und Schutzeigenschaf­ten, dann wäre das Laufen als Ausgleichs-, Freizeit- oder Gesundheitssport für viele gar nicht praktizierbar. Andererseits wird der Mensch nicht mit Laufschuhen geboren, und unsere Gene sind nicht auf das Laufen mit Schuhen programmiert. Deshalb kann und darf der Fuß ruhig etwas gefordert werden.

Wo ist der Vorteil?
Outdoorsandalen sind für kurze Strecken und zum langsamen Laufen durchaus eine Alternative für den vollwertigen Laufschuh. Allerdings bringen viele Modelle nicht die erhofften Vorteile, weder bei der Gewichtsersparnis noch in Sachen Belüftung. Auf dem Kunststofffußbett handelsüblicher Sandalen schwitzt der Fuß ähnlich stark wie im Laufschuh, und die Feuchtigkeit lässt ihn auf dem Fußbett hin- und herrutschen. Das birgt die Gefahr von Blasen. Und da das schützende Obermaterial entfällt, können Staub, Steine und andere Gegenstände den Fuß stärker gefährden. Und auch beim Gewicht wird bei Outdoorsandalen nicht gespart – im Gegenteil, viele Modelle sind deutlich schwerer als ein leichter Laufschuh.

Nichts für den Marathon
Ein Zwischending zwischen Schuh und Sandale stellen Amphibien-Modelle dar, die in erster Linie für Trailläufe mit Bach- oder Flussdurchquerungen entwickelt wurden. Drainage-Löcher lassen das Wasser durch Obermaterial und Sohle entweichen (zum Beispiel Salomon Techamphibian oder Teva Sunkosi). Mehr Barfuß-Feeling verleihen Schuhe wie die Nike-Free-Modelle und erst recht die Lizard Five Fingers mit einer dünnen Vibram-Sohle. Beide Modelle sollte man allerdings erst anprobieren, denn sie passen nicht jedem (die Konzepte werden derzeit übrigens von vielen Herstellern kopiert).

Zehenschuhe

Bild: Walter Fey

Zehenschuhe: Beim neuen Lizard Five Fingers Sprint (Preis: 99,95 Euro) ist das Obermaterial aus dehnbarem Polyamid, die Sohle aus Gummi. Die Klettriemen an Ferse und Spann optimieren den Sitz – ein Gefühl wie Bar­fußlaufen mit Sohle.

Fazit: Fürs Training der Fußmuskulatur, bei warmen Außentemperaturen oder als zeitweiliger Schuhersatz sind gut sitzende Lauf­sandalen durchaus geeignet. ­Einen Marathon sollte man in Flipflops allerdings nicht laufen. In Tahiti stellte sich im Anschluss an den Marathon übrigens heraus, dass der Läufer mit den Flipflops an den Füßen Importeur von Badelatschen war. Das Ganze war also bloß ein Werbegag.