Von barfuß bis Fitbit

Barfuß und Bowlingschuhe

Abebe Bikila läuft barfuß zum Olympiasieg und Marathon-Weltrekord.

From Barefoot to Fitbit Amby Burfoot in Asics Tiger-Schuhen 03/17

Amby Burfoot gewinnt den Boston-Marathon in Tiger-Schuhen.

Bild: Getty Images

Statt in Laufschuhen war man damals in irgendwelchen Sportschuhen unterwegs. Bezeichnend dafür ist die Anekdote eines amerikanischen Studenten, der im Herbst des Jahres 1962 seine Bowlingschuhe anzog – sie waren leichter und flexibler als die Segeltuchschuhe, die er bis dahin getragen hatte –, um damit seinen ersten Wettkampf zu bestreiten. Auf dem schlammigen Schlussteil der Strecke löste sich die Sohle auf, aber er gewann trotzdem. Der Name des Läufers war Amby Burfoot, was sich im Englischen kurioserweise ein bisschen wie „barefoot“ anhört, barfuß.

Die in den USA beginnende Erfolgsgeschichte des Sportschuhs wurde vor allem von den Werbestrategen der New Yorker Madison Avenue geschrieben. Hier wurden Sportschuhe schon früh in mystische Kultgegenstände verwandelt. Gummihersteller BF Goodrich, bekannt für Autoreifen, pries bereits 1966 die „magische“ Unterstützung für den Fuß durch seine P.F.-Gummisohlen an. Schulkinder wurden von der Werbung früh darauf geeicht, dass sie mit den richtigen Schuhen schneller laufen und höher springen könnten.

Durch solche Slogans veränderte sich auch die Welt der Läufer. Im Jahr 1966 ­publizierte der Student Bob Anderson ­seinen ersten – damals noch sehr überschaubaren – Newsletter „Distance Running News“. Im folgenden Jahr schrieb der Leichtathletiktrainer Bill Bowerman sein Buch mit dem Titel „Jogging“. Es basierte auf gesundheitsförderlichen Erfahrungen seiner Reise nach Auckland, Neuseeland.

Eine Werbeanzeige für einen Onitsuka Tiger.

Bild: RUNNER'S WORLD Archive

Zumindest für die USA lässt sich sagen, dass 1966 das Jahr war, in dem das Laufen als gesellschaftskulturelles Phänomen seinen Anfang nahm. In jedem Fall war es das Jahr, in dem die Ausrüstung für Läufer ein entscheidendes Thema wurde. Und mit jedem neuen Schuh, jeder neuen Uhr und jedem feuchtigkeitsabsorbierenden T-Shirt wurde das Laufen für viele Nichtsportler interessanter.

Heute laufen wir in Kompressionssocken, individuell angepassten orthopädischen Einlagen, benutzen Bluetooth-Kopfhörer, windabweisende Fleece-Handschuhe, Dri-Fit-Shirts und Funktionsbrillen mit polarisierenden Gläsern. Die Schuhe kosten 200 Euro, die Socken 20, der Activity-Tracker ist mit dem Smart­phone synchronisiert. Wir starten unseren Lauf erst, wenn die Pulsuhr GPS-Empfang hat. Wir haben Energieriegel zur Hand, und der Recovery-Drink steht jeder­zeit bereit. Danach geht es auf die Faszienrolle. Natürlich ist jedes Kleidungsstück mit reflektierenden Elementen bestückt. Ist doch klar, oder?

Aber wie kam das alles? Der oben erwähnte Amby Burfoot gewann 1968, also sechs Jahre nachdem er mit seinen Bowlingschuhen seinen ersten Wettkampf bestritten hatte, den schon damals legendären Boston-Marathon. Amby trug dabei ein Paar in Japan hergestellte Marathonschuhe, die Onitsuka Tiger TG-4 mit Nylon-Obermaterial. In den USA wurde die Marke von Blue Ribbon Sports vertrieben, Jeff Johnson war dort der Chef. Und der fragte Amby Burfoot, ob er nicht Schuhe an seine Laufkollegen weiterverkaufen wolle, fast alles Eliteläufer. Burfoot willigte zunächst ein und verdiente an jedem Paar, das er für neun US-Dollar verkaufte, genau einen Dollar. „Aber ich wollte kein Schuhverkäufer sein“, sagt Burfoot heute auf die Frage, warum er seine Verkaufstätigkeit schon nach kurzer Zeit wieder beendete. Ohne einen Hauch von Reue fügt er hinzu: „Wenn ich mich damals anders entschieden hätte, wäre ich heute Millionär. Aber ich wollte lieber ein Läufer sein.“

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