Von barfuß bis Fitbit

Activity-Tracker und Vernetzung

From Barefoot to Fitbit Five Fingers 03/17

Die minimalistischen Vibram Five Fingers sind seit dem Buch "Born to Run" von Christopher McDougall angesagt.

Bild: Hersteller

Im Jahr 2009 erschien Christopher McDougalls Buch „Born to Run“, in dem er von den Tarahumara-Indianern Mexikos schwärmt, die mit selbst gebastelten Sandalen verletzungsfrei laufen – auch über Ultra­distanzen. Das Buch wurde ein Bestseller. Und der barfuß laufende Autor und seine Tarahumara wurden zur Inspirationsquelle für eine ganz neuen Laufbewegung. Minimalistische Schuhe waren fortan angesagt. Die Industrie reagierte prompt und sprang schnell auf den Trend auf, produzierte sogar Schuhe mit einzelnen Zehengaragen. Läufer zahlten beträchtliche Summen dafür, dass sie weniger an den Füßen hatten. Ebenso vorher­sehbar wie prompt kam dann die Gegenbewegung. Das Pendel schwang von minimalistisch zurück zu maximalistisch, Schuhe wie der Hoka One One waren die Folge. Das einzig Beständige ist eben der Wandel.

Dave McGillivray ist heute Renndirektor des Boston-Marathons. Auch er sieht die Technik immer noch auf dem Vormarsch: „Das ganze Leben ist ein Wettstreit darum geworden, wer das neueste technische Spielzeug hat“, sagt der 61-Jährige. Und das spielt auch bei Wettkämpfen eine Rolle. „Die Vernetzung schreitet immer weiter voran“, sagt McGillivray. „Wir verschicken auf Wunsch Textnachrichten, damit die Familie und Freunde der Teilnehmer verfolgen können, wo diese gerade sind. Das ist sehr beliebt. Ich persönlich bin kein Fan davon, ich fühle mich eher überwacht. Ich möchte nicht, dass alle mitkriegen, wenn ich eine Schwächephase habe. Aber die Leute wollen das. Sonst gehen sie zu einem anderen Rennen, das diesen Service bietet.“ Letztes Jahr lief McGillivray in Orlando beim Disney-Marathon an vier aufeinanderfolgenden Tagen fünf und zehn Kilometer, Halbmarathon und Ma­rathon. „Zehn Minuten nach meinem Finish erhalte ich eine SMS: ,Hey, wie ich sehe, bist du den Marathon in 4:16 Stunden gelaufen‘“, erzählt McGillivray. „Die kam vom anderen Ende der Welt!“

Und Amby Burfoot, der frühere Boston-Sieger? Der läuft heute zwar nicht mehr in Bowlingschuhen, aber er ist ein Asket geblieben. „Ich trage einfache Lauf­schuhe, Funktionssocken und Bermudas, wie Basketballer sie tragen“, sagt er. „Die haben nämlich sehr große Taschen – super für Handschuhe, Kamera oder Kleinkram.“ Außerdem trägt er noch eine Schirmmütze – und eine Timex Ironman.

Heute trägt fast jeder Läufer eine GPS-Uhr oder einen Acitivity-Tracker wie den Fitbit Surge – den auch Barack Obama nutzt.

Bild: Mitch Mandel

Mehr als drei Jahrzehnte nach dem Wegzug von RUNNER’S WOLRD ist Mountain View, wo sich das Google-Mutterunternehmen Alphabet mittlerweile zum weltweit bedeutendsten Unternehmen entwickelt hat, zusammen mit dem benachbarten Cuper­tino auch für Läufer wieder zum Hightech-Epizen­trum geworden. Hier wurden Activity-Tracker wie der Fitbit und die Apple Watch erfunden, neben denen eine Timex Ironman so alt wirkt wie der Big Ben.

Aber manche Läufer widerstehen den Trends. „Ich nutze gar nichts davon“, sagt McGillivray. „Johnny Kelley lief in den 1940er-Jahren in Lederschuhen – und rannte seine Marathons in 2:30 Stunden“, erzählt er. „Und so weit ich weiß, hat er sich nie über schlechtes Schuhwerk beklagt.“ Läufer liefen früher in Arbeits­schuhen, heute ist es umgekehrt: Arbeiter tragen Laufschuhe, dazu Shirts aus Funktionsmaterial. Der frühere US-Präsident Obama trug einen Fitbit-Tracker. Den gleichen bekam ich übrigens zum letzten Vatertag. Und es ist nicht lange her, da fand ich online ein Angebot für ein Paar Nike Air Zoom Spiridon aus dem Jahr 1997, in Silber Metallic/Desert Red-Black, original und ungetragen. Und obwohl sie drei Nummern zu klein waren, starrte ich sie eine Weile an, mit nostalgischem Verlangen, als hätte ich meine alte Liebe aus Schulzeiten auf Facebook wiedergefunden. Und in gewisser Weise stimmt das sogar. Heute, da sich mein 50. Geburtstag nähert, denke ich über meine alte Liebe nach, den Marathon, und überlege, ob ich noch einmal an den Start gehen soll. Ich nutze zwar einen Fitbit und die App „MapMyRun“, aber ich muss ja nicht gleich eine künstlerische Performance hin­legen wie die von Joseph Tame. Der zeichnete das Apple-Logo nach, indem er 21 Kilometer durch Tokio lief und ­seine Strecke bei RunKeeper hochlud, unterstützt durch Google Earth und zwei iPhones.

All das ist mit modernen Produkten möglich. Sie sind Wunder unserer Zeit, Belege für den menschlichen Einfallsreichtum. Sie sind praktisch und unterhaltsam. Doch sobald ich das GPS-Signal gefunden habe und losgelaufen bin, vergesse ich sie auch wieder, wie den Rückenwind, dessen Unterstützung man nicht spürt. Die Seele des Laufens und das, worum es im Kern der Sache geht, ist ein uralter Trieb des Menschen. Es ist wie bei Bikila und Burfoot, Fred Feuerstein und Marilyn Monroe: das Verlangen, etwas Elementares, Reines und Unprätentiöses zu tun – einfach die Straße hinunterzulaufen, frei von jeglichem Ballast.

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