Die World Marathon Majors

Auf dem Weg zur Formel 1 des Laufsports

Seit einem Jahr haben die besten Marathonrennen der Welt noch zusätzlich an Attraktivität gewonnen.

Seit einem Jahr gibt es die World Marathon Majors (WMM). In dieser Serie haben sich fünf der spektakulärsten Marathonrennen der Welt zusammengeschlossen: Boston, Berlin, Chicago, New York und London.

Nach dem Premiere-Jahr konnten die Race-Direktoren der WMM eindrucksvolles Zahlenmaterial bekannt geben: Genau 154.596 Läufer erreichten bei ihren Veranstaltungen das Ziel, 6,6 Millionen Zuschauer standen an den fünf Strecken und 110 Millionen Dollar sammelten die Läufer durch das ,Charity-Running’. Dabei bitten die Teilnehmer Zuschauer oder Freunde um Spenden für Wohltätigkeitszwecke. Der wirtschaftliche Effekt für die fünf WMM-Städte betrug insgesamt 400 Millionen Dollar.

Betrachtet man zudem die durchweg mit Stars gespickten Starterfelder der fünf Rennen, kann man durchaus von einer ,Formel 1 des Laufsports’ sprechen – mit dem Punktsystem und den unterschiedlichen Strecken gibt es sogar gewisse Parallelen zum Motorsport. Im Marathon braucht man freilich einen längeren Atem, an den sich die Zuschauer wohl noch gewöhnen müssen. In der Regel laufen die besten Athleten der Welt nicht mehr als zwei Marathonrennen pro Jahr. So macht es Sinn, dass eine WMM-Serie über zwei Jahre läuft.

„Auf eine derartige Serie haben wir lange gewartet. Die World Marathon Majors geben uns Top-Läufern die Möglichkeit, uns noch mehr konzentrieren zu können auf die wichtigsten Events“, sagt Paul Tergat. Der 37-jährige Kenianer hat in Berlin 2003 mit 2:04:55 Stunden den aktuellen Marathon-Weltrekord aufgestellt.

„Wir merken schon jetzt, dass die WMM-Rennen in den Planungen der Athleten eine zunehmende Rolle spielen. Aber ich glaube, wir brauchen deutlich mehr Zeit als ein Jahr, um die WMM richtig zu etablieren“, sagt Guy Morse, der Chef des Boston-Marathons. Die Individualität der Rennen soll auch in der Zukunft erhalten bleiben, inklusive des zum Beispiel ganz unterschiedlichen Preisgeldes: In Boston verdiente der Sieger 100.000 Dollar, in London sind 55.000 gewesen. Allerdings haben die Briten so viel Geld für Antrittsprämien wie kein anderes Rennen.

In anderen Punkten soll und muss ein größerer Wiedererkennungswert erreicht werden. So liefen die Favoriten in Boston und London in individuellen Trikots und nicht mehr einheitlich je nach Sportartikel-Ausrüster. Dadurch sind sie für die Zuschauer ähnlich wie bei der Tour de France leichter zu erkennen. Verhandlungen mit den Sportartikelfirmen scheinen hier zum Erfolg zu führen. Anders ist dies noch in zwei anderen Punkten: bisher gibt es weder einen Titelsponsor für die World Marathon Majors noch sind alle Rennen im Fernsehen zu sehen. „Es ist ein wichtiges Ziel, dass unsere Rennen international im TV zu sehen sind. Daran arbeiten wir“, sagt Guy Morse. Der fehlende Sponsor für den Jackpot von einer Million Dollar scheint keine akute Gefahr für die WMM-Rennen zu bürgen – selbst wenn jede Veranstaltung jährlich 200.000 Dollar selbst investieren müsste. David Bedford, der Race-Direktor des London-Marathons, sieht das gelassen: „Wir sind mit verschiedenen Unternehmen im Gespräch. Die Herausforderung ist, einen Sponsor zu finden, der nicht mit den Interessen der Sponsoren der einzelnen Rennen kollidiert.“

Eine andere Aufgabe, der sich die WMM stellen müssen, wenn sie sich langfristig durchsetzen wollen, ist die Einbindung der Breitensportler in die Serie. „Wir wissen um die Bedeutung dieses Punktes, schließlich haben wir im Schnitt über 30.000 Läufer am Start“, sagt der Race-Direktor des Berlin-Marathons, Mark Milde, und kündigt an: „Ich denke, dass es im nächsten Jahr dazu eine Initiative geben wird.“

Eine Vorlage liefert ihm der Direktor des Wien-Marathons, Wolfgang Konrad, dessen Rennen am kommenden Sonntag stattfindet. „Man bräuchte so etwas wie eine zweite Liga, bei der man sich als Breitensportler durch eine Teilnahme einen Start bei einem WMM-Rennen sichern kann.“ In London oder New York übersteigt die Anfrage nach Startnummern die vorhandenen Startplätze um mindestens das doppelte. Per Lotterie werden die Nummern in London vergeben. In einer zweiten Liga könnten Rennen wie Wien, Paris, Rotterdam, Hamburg oder Frankfurt von einem stärkeren Zulauf profitieren. „Und jeder Läufer hätte dann die realistische Chance“, so Wolfgang Konrad, „bei den WMM-Rennen an den Start zu gehen. Alle fünf zu laufen, das muss ein Lebensziel sein. So wie andere einmal im Leben einen 8.000er erklimmen wollen.“

Reglement und Stand

Eine Serie der World Marathon Majors (WMM) besteht aus den WMM-Rennen zweier Jahre. Die erste Serie begann im April 2006 und endet im November 2007. Die Perioden überlappen, so dass es von diesem Jahr an jährlich Sieger geben wird. Die Serie 2007-2008 begann beim Boston-Marathon. Fortan punkten die Athleten also doppelt – immer für zwei Serien. Neben den fünf WMM-Rennen werden auch die Marathonentscheidungen bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen in das Punktesystem mit einbezogen. Jeder Athlet muss pro Jahr mindestens ein WMM-Rennen gelaufen sein und kann maximal vier Läufe in die Wertung bringen. Die Läufer bekommen pro Rennen Punkte für die ersten fünf Plätze. Der Sieger erhält 25 Zähler, auf den folgenden Plätzen gibt es 15, 10, 5 und einen Punkt. Bei Punktgleichheit entscheidet zunächst ein eventueller direkter Vergleich. Notfalls bestimmt eine Abstimmung unter den fünf Race-Direktoren den Sieger. Eine Million US-Dollar Preisgeld wird am Ende einer Serie zwischen den beiden Siegern der Männer und Frauen geteilt.


Der Stand der WMM-Serie 2007-2008:

Männer
1. Robert K. Cheruiyot KEN 75 Punkte
2. Martin Lel KEN 40
3. Felix Limo KEN 35
4. Haile Gebrselassie ETH 25
Marilson Gomes dos Santos BRA 25
Stephen Kiogrora KEN 25

Frauen
1. Jelena Prokopcuka LAT 55 Punkte
2. Gete Wami ETH 40
3. Rita Jeptoo KEN 35
4. Berhane Adere ETH 30
5. Deena Kastor USA 26
Lidiya Grigoryeva RUS 26


Die Weltrekordentwicklung seit 1985

Männer
2:04:55 Paul Tergat (Kenia) Berlin 2003
2:05:38 Khalid Khannouchi (Marokko) London 2002
2:05:42 Khalid Khannouchi (Marokko) Chicago 1999
2:06:05 Ronaldo da Costa (Brasilien) Berlin 1998
2:06:50 Belayneh Dinsamo (Äthiopien) Rotterdam 1988
2:07:12 Carlos Lopes (Portugal) Rotterdam 1985

Frauen
2:15:25 Paula Radcliffe (Großbritannien) London 2003
2:17:18 Paula Radcliffe (Großbritannien) Chicago 2002
2:18:47 Catherine Ndereba (Kenia) Chicago 2001
2:19:46 Naoko Takahashi (Japan) Berlin 2001
2:20:43 Tegla Loroupe (Kenia) Berlin 1999
2:20:47 Tegla Loroupe (Kenia) Rotterdam 1998
2:21:06 Ingrid Kristiansen (Norwegen) London 1985

Mit Ausnahme der Zeiten von Rotterdam wurden seit 1985 alle Weltrekorde bei Rennen gelaufen, die heute zu den World Marathon Majors (WMM) gehören.